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BrewDog verkauft an Tilray: Das Ende der Punk-Illusion – und der Rückzug aus Deutschland

Als BrewDog vor gut zwei Jahrzehnten gegründet wurde, galt die schottische Brauerei als rebellischer Hoffnungsträger der internationalen Craftbier-Szene. Laut, provokant und mit einer gehörigen Portion Marketinggenie präsentierten sich die Gründer James Watt und Martin Dickie als Punkrock-Alternative zur Bierindustrie. Doch nach Jahren voller Expansion, Skandale und finanzieller Probleme ist dieses Kapitel nun endgültig beendet: BrewDog wurde an Tilray Brands verkauft – zu einem Preis, der viele Beobachter überrascht hat.

Der Deal wirkt auf den ersten Blick fast wie ein Ausverkauf. Tilray zahlt rund 44 Millionen US-Dollar für die globale Marke BrewDog, die Brauerei im schottischen Ellon sowie elf Pubs in Großbritannien und Irland. Angesichts der Größe des Unternehmens ist das erstaunlich wenig. BrewDog produzierte zuletzt etwa 670.000 Barrel Bier jährlich, was einem Preis von nur rund 66 Dollar pro Barrel entspricht. In der Craftbierbranche ist das ein extrem niedriger Wert.

Zum Vergleich:
2011 zahlte Anheuser-Busch InBev rund 305 Dollar pro Barrel für Goose Island.
2015 legte Constellation Brands sogar etwa 3.600 Dollar pro Barrel für Ballast Point auf den Tisch.
Selbst Tilray selbst zahlte 2020 noch rund 1.150 Dollar pro Barrel für SweetWater.

Dass BrewDog nun für einen Bruchteil solcher Bewertungen verkauft wurde, zeigt vor allem eines: Der Markt für Craftbier hat sich dramatisch verändert. Die großen Wachstumsfantasien der 2010er-Jahre sind längst verflogen.

Besonders hart trifft der Verkauf die rund 200.000 privaten Investoren, die über BrewDogs Crowdfunding-Programm „Equity for Punks“ insgesamt etwa 100 Millionen Dollar in das Unternehmen gesteckt hatten. Für sie bleibt vom Verkauf praktisch nichts übrig. Ihre Anteile wurden durch den Deal vollständig entwertet.

Auch für viele Beschäftigte hat die Übernahme unmittelbare Folgen. Rund 500 Mitarbeiter in Großbritannien verlieren ihren Arbeitsplatz. Besonders bitter: Wie schon bei früheren Krisen erfuhren viele Angestellte davon zunächst aus den Medien und nicht direkt von der Unternehmensführung.

Der Niedergang eines Craftbier-Imperiums

Noch vor wenigen Jahren galt BrewDog als eines der erfolgreichsten Craftbier-Unternehmen der Welt. Die Brauerei betrieb zeitweise rund 90 Bars auf mehreren Kontinenten und verfügte über Produktionsstandorte in Europa, den USA und Australien. Der Unternehmenswert wurde zwischenzeitlich mit mehr als 2,5 Milliarden Dollar angegeben.

Doch hinter der spektakulären Wachstumsstory bröckelte das Fundament zunehmend. Immer wieder geriet das Unternehmen wegen seiner Unternehmenskultur in die Kritik. Ehemalige Mitarbeiter sprachen von einem toxischen Arbeitsumfeld, eine BBC-Dokumentation legte weitere Vorwürfe offen.

Auch BrewDogs Nachhaltigkeitsstrategie geriet ins Wanken. Das groß angekündigte „Lost Forest“-Projekt, mit dem die Brauerei angeblich klimaneutral oder sogar klimapositiv werden wollte, scheiterte weitgehend. Rund die Hälfte der gepflanzten Bäume ging nach einem besonders harten Winter ein. 2022 verlor BrewDog zudem seine B-Corp-Zertifizierung, und später gab das Unternehmen auch sein Versprechen auf, allen Mitarbeitern einen existenzsichernden Lohn zu zahlen.

Mit dem Abgang von Gründer James Watt und später auch Martin Dickie verlor die Marke schließlich auch ihre zentralen Figuren.

Rückzug aus Deutschland

Im Zuge der Neuordnung zieht sich BrewDog außerdem vollständig aus Deutschland zurück. Die Gastronomiebetriebe der Marke werden geschlossen, ebenso die Brauerei in Berlin, die erst vor wenigen Jahren als wichtiger europäischer Produktionsstandort aufgebaut worden war.

Damit endet ein ambitioniertes Kapitel der internationalen Expansion. Deutschland galt lange als strategisch wichtiger Markt für BrewDog, doch offenbar ließ sich das Konzept wirtschaftlich nicht mehr aufrechterhalten.

Für viele Craftbier-Fans ist das ein deutliches Zeichen dafür, wie schwierig das Geschäft in den letzten Jahren geworden ist. Selbst international bekannte Marken mit großen Investitionen haben zunehmend Probleme, ihre Expansion zu finanzieren.

Tilrays Strategie

Für Tilray ist der Kauf dennoch ein typischer Schritt. Das Unternehmen hat sich in den letzten Jahren darauf spezialisiert, angeschlagene Craftbrauereien günstig zu übernehmen. Zu den Marken im Portfolio gehören bereits SweetWater, Montauk oder Green Flash.

Tilray-CEO Irwin Simon sieht in BrewDog vor allem eine Plattform für den europäischen Markt. Die große Brauerei in Ellon soll künftig stärker ausgelastet werden, möglicherweise auch durch die Produktion amerikanischer Marken für Europa.

Ob diese Strategie aufgeht, bleibt allerdings offen. Auch Tilrays eigenes Biergeschäft kämpft derzeit mit sinkenden Verkaufszahlen.

Das Ende einer Ära

Der Verkauf von BrewDog ist mehr als nur eine Unternehmensübernahme. Er markiert auch das Ende einer Phase in der Craftbierbranche, in der Wachstum, Expansion und hohe Bewertungen scheinbar selbstverständlich waren.

BrewDog war lange das lauteste Symbol dieser Bewegung – und ist nun vielleicht auch ihr spektakulärstes Warnsignal. Denn eines zeigt die Geschichte sehr deutlich: Expansion kann eine Zeit lang Wachstum vorgaukeln. Sie ersetzt jedoch nicht ein stabiles Geschäftsmodell.

Für Bierfans bleibt am Ende vor allem eine Erkenntnis: Selbst die lautesten Punkrock-Versprechen können irgendwann ziemlich leise enden.

Orca Brau – Goldie

Manche Biere wollen besonders kompliziert sein. Viele Hopfensorten, exotische Namen und Aromen, die angeblich an Mango, Grapefruit und tropischen Regenwald erinnern. Das Helle, ein ursprünglich bayrischer Bierstil, der sich in den letzten Jahren über ganz Deutschland verbreitet hat, geht einen anderen Weg. Dieser Bierstil sagt im Grunde: Entspannen Sie sich, ich bin einfach ein verdammt gutes Bier. Das stimmt zwar nicht immer, aber beim Goldie von orca brau erwarte ich doch eine gehobene Qualität. Zumindest hat mich die Brauerei aus Nürnberg bislang nicht enttäuscht.

Gebraut wird mit regionalen Zutaten, darunter sogar historische fränkische Landgerste aus der Rhön, die dem Bier eine leicht kernige Tiefe verleihen soll. Dazu kommen klassische Hopfensorten wie Magnum und Hallertauer Mittelfrüh, die für eine angenehme, grasig-frische Hopfenaromatik sorgen.

Intensiv goldfarben und opalisierend fließt das Bier ins Glas und bildet dabei eine schneeweiße Schaumkrone, die sich aber leider recht flott auflöst.

Das Bier duftet nach hellem Malz und Karamell. Zitrusfrüchte und Gras halten lassen den Aromen des Malzes den Vortritt und vervollständigen das Aroma. Jetzt ärgert es mich etwas, dass ich das Goldie mit einem leichten Schnupfen verkoste, so dass es möglich ist, dass mir manche Nuancen des Aromas entgehen.

Der Antrunk ist angenehm spritzig und mit einer zurückhaltenden Süße. Auf der Zunge gesellt sich eine gut auf die Süße abgestimmte Bittere dazu. Gemeinsam mit etwas Zitrus sorgt sie für ein volles und weiches Mundgefühl. Der Abgang zeichnet sich durch eine freundliche Bittere mit sehr langem Nachklang aus.

Stilistisch bewegt sich das Goldie irgendwo zwischen klassischem Hellen und modern interpretiertem Craftbier. Man könnte auch sagen: ein Bier für Menschen, die traditionelles Lager lieben, aber nichts dagegen haben, wenn es ein kleines bisschen mehr Persönlichkeit mitbringt.

Zutaten:

Wasser, Gerstenmalz, Hopfen (Magnum, Hallertauer Mittelfrüh), Hefe

Alkoholgehalt:

4,8 % Vol.

Farbe:

8 EBC

Brauerei:

Orca Brau
Am Steinacher Kreuz 24
90427 Nürnberg
www.orcabrau.de

Wenn Heimbrauer Pfandautomaten hacken: Norwegens Barcode-Lösung für Bierdosen im kritischen Blick

In Norwegen füllen mehr und mehr Hobbybrauer ihre Biere in Dosen ab. Nun ist der norwegische Heimbrauerverband Norbrygg auf eine Idee gekommen. Sie klingt zunächst sympathisch: Der Verband stellt Barcodes bereit, mit denen von Hobbybrauern selbst befüllte Aluminiumdosen über die normalen Pfandautomaten zurückgegeben werden können. Ziel ist es, dass diese Dosen nicht im Restmüll landen, sondern in das bestehende Recycling-System gelangen. Auf den ersten Blick wirkt das wie eine pragmatische Lösung für ein wachsendes Problem. Bei näherer Betrachtung wirft die Initiative jedoch einige Fragen auf.

Zunächst zeigt die Maßnahme ein strukturelles Problem moderner Getränkekultur: Die Einwegdose setzt sich auch im Hobbybereich zunehmend durch. Während früher Heimbrauer überwiegend Mehrwegflaschen verwendeten, greifen heute viele zu Dosen – nicht zuletzt, weil sie leichter und lichtundurchlässig sind. Dass nun ein eigener Barcode nötig wird, um diese Verpackung überhaupt halbwegs sinnvoll entsorgen zu können, verdeutlicht, wie stark sich auch das Hobbybrauen in Richtung Einweglogik bewegt.

Das norwegische Pfandsystem gilt international als Vorbild, weil es eine sehr hohe Rücklaufquote erreicht. Genau deshalb wirkt es paradox, dass für Heimbrauer erst ein spezieller Workaround geschaffen werden muss. Offensichtlich war das System nie dafür gedacht, privat befüllte Verpackungen aufzunehmen. Die neuen Barcodes sind daher weniger eine elegante Erweiterung als vielmehr ein nachträglicher Versuch, eine Lücke zu schließen, die durch veränderte Konsum- und Verpackungsgewohnheiten entstanden ist.

Ein weiterer Punkt ist die Frage nach den Anreizen. Für die betreffenden Dosen wird ausdrücklich kein Pfand ausgezahlt. Der Barcode dient nur der Registrierung und dem Recycling. Das bedeutet, dass die Motivation zur Rückgabe ausschließlich aus Umweltbewusstsein bestehen muss (wobei ich mich ehrlich gesagt frage, woher das Umweltbewusstsein auf einmal kommen soll, wenn vorher eine Einwegverpackung gewählt wurde). Während das bei engagierten Heimbrauern durchaus funktionieren kann, widerspricht es der Grundidee des Pfandsystems, das gerade über finanzielle Anreize hohe Rücklaufquoten erzielt. Ohne diesen Anreiz könnte die Rückgabequote deutlich niedriger ausfallen.

Auch organisatorisch ist das Modell nicht völlig unproblematisch. Wenn jeder Heimbrauer denselben Barcode verwenden kann, stellt sich die Frage, wie genau die Rückführung der Materialien tatsächlich erfasst wird. Das System registriert zwar eine Dose, aber nicht deren Herkunft. Für das Recycling selbst spielt das möglicherweise keine große Rolle – für eine saubere Systemintegration hingegen schon.

Hinzu kommt eine grundsätzliche ökologische Debatte: Aluminium ist zwar theoretisch nahezu unbegrenzt recycelbar, seine Herstellung ist jedoch äußerst energieintensiv. Selbst wenn Recycling die Umweltbilanz deutlich verbessert, bleibt die Dose eine Einwegverpackung mit relativ hohem Ressourcenaufwand. Kritiker könnten daher argumentieren, dass eine stärkere Förderung von Mehrwegflaschen im Heimbraubereich langfristig nachhaltiger wäre als die Integration zusätzlicher Einwegströme in bestehende Recyclingstrukturen.

Gleichzeitig sollte man die positiven Aspekte der Initiative nicht völlig übersehen. Wenn Aluminiumdosen ohnehin im Umlauf sind, ist es selbstverständlich sinnvoll, sie möglichst effizient in den Materialkreislauf zurückzuführen. Die Kooperation zwischen Norbrygg, dem Pfandsystembetreiber Infinitum und GS1 Norway zeigt außerdem, dass sich auch vergleichsweise kleine Interessengruppen konstruktiv in nationale Recyclingstrukturen einbringen können.

Die Maßnahme ist daher kein großer Durchbruch, eher ein grundsätzlicher Fehltritt. Wir können sie bestenfalls als einen pragmatischen Kompromiss betrachten: eine technische Lösung für ein Problem, das aus veränderten Verpackungsgewohnheiten entstanden ist. Ob sie langfristig erfolgreich ist, wird davon abhängen, ob Heimbrauer die Barcodes tatsächlich nutzen – und ob die Diskussion über Verpackungen im Hobbybraubereich dadurch nicht erst richtig beginnt.

Bier und Essen gehören zusammen – warum sieht das schwedische Gesetz das anders?

Ich habe bereits in einem Artikel auf das Verfahren hingewiesen, das der schwedische Staat aktuell gegen die Brauerei Poppels führt. Jetzt hat auch die European Beer Consumers Union (EBCU) einen Kommentar dazu veröffentlicht, den ich hier übersetzt aber ansonsten unverändert wiedergebe:

Im Februar 2026 entschied das schwedische Patent- und Marktberufungsgericht gegen Poppels Bryggeri in einem Verfahren, das von der schwedischen Verbraucherbehörde (Konsumentverket) angestrengt worden war. Die Brauerei hatte 2022 Instagram-Beiträge veröffentlicht, die Bier zusammen mit Essen zeigten. Keine Menschen, keine Partystimmung, kein Aufruf zum Kauf. Nur Bier und Essen – die Kombination, die beschreibt, wie die meisten Europäer tatsächlich trinken.

Das Gericht stellte fest, dass dies gegen die Bildregel im schwedischen Alkoholgesetz verstößt. Diese beschränkt Werbebilder auf das Getränk selbst, seine Rohstoffe, ein einzelnes Verpackungselement oder die Marke. Bemerkenswert ist, dass das Berufungsgericht sogar weiter ging als die Vorinstanz, die zumindest ein Foto eines Bieres erlaubt hatte, das auf dem Fass stand, in dem es gereift war, als legitimes Produktionsbild. Das Berufungsgericht verbot auch das. Poppels droht nun eine bedingte Geldstrafe von 500.000 schwedischen Kronen, falls die Brauerei dies fortsetzt – und selbst das Zeigen des Brauprozesses ist nicht erlaubt.

Mats Wahlström, Geschäftsführer von Poppels Bryggeri, warnte in der Stellungnahme der Brauerei zum Urteil, dass das Ergebnis genau das Gegenteil seines erklärten Zwecks bewirken könnte: „Das Urteil macht es nahezu unmöglich, über Bier als Teil einer Mahlzeit, eines Handwerks oder einer Kultur zu kommunizieren. Die Gefahr besteht darin, dass das Ergebnis genau das Gegenteil des gesundheitspolitischen Ziels ist: dass Kommunikation auf Produkt und Preis reduziert wird, ohne Verantwortung, ohne Kontext und ohne Essen. In der Praxis wird es dazu führen, dass nur noch Produktbild und Preis gezeigt werden dürfen – und damit der Konsum in Richtung reinen Alkoholkonsums billiger Produkte gedrängt wird.“

Der Widerspruch, den dies offenlegt, ist deutlich. Das schwedische Lizenzrecht verlangt von Kneipen und Restaurants ein echtes Speiseangebot, um eine Ausschankgenehmigung zu erhalten. Das staatliche Einzelhandelsmonopol Systembolaget empfiehlt im Laden ausdrücklich passende Speisen und schult sein Personal darin, Essensempfehlungen auszusprechen. Die gesamte Struktur der schwedischen Alkoholpolitik beruht auf der Annahme, dass Bier und Essen zusammengehören, weil diese Kombination mit moderaterem und verantwortungsvollerem Konsum verbunden ist. Und dennoch verbieten die Werbevorschriften desselben Staates nun einer Brauerei, genau diese Kombination zu zeigen – und sogar zu zeigen, wie das Bier hergestellt wird.

Wie Magnus Pettersson Otterberg, Marketingdirektor bei Poppels, es formulierte: „Dass Alkohol zusammen mit Essen konsumiert werden sollte, war einer der Grundpfeiler, auf denen Schweden seine Alkoholpolitik aufgebaut hat. Wir finden es schwer zu verstehen, wie man als Unternehmen das Richtige tun soll, wenn diejenigen bestraft werden, die Verantwortung übernehmen.“

Ein Gesetz aus den 1970er-Jahren angewandt auf eine Braulandschaft des Jahres 2026

Die Bildregel wurde in den 1970er-Jahren deutlich verschärft, als die Sorge über massenhafte Alkoholwerbung berechtigt war. Fernsehwerbung verband Bier und Spirituosen mit Glamour, Lifestyle und sozialem Aufstieg. In diesem Kontext war es sinnvoll, zu beschränken, was in solchen Bildern gezeigt werden durfte.

Was die Gesetzgeber dieser Zeit nicht vorhersehen konnten, war eine Craft-Bierszene mit Hunderten kleiner unabhängiger Produzenten, deren Kommunikation einem völlig anderen Zweck dient. Ein Bier neben Essen zu zeigen oder in der Produktionsumgebung, in der es hergestellt wurde, ist informativ statt manipulativ. Es ist die Art ehrlicher Produktkommunikation, von der verantwortungsvoller Konsum abhängt. Wörtlich angewendet behandelt die Bildregel einen Instagram-Post einer kleinen Brauerei genauso wie eine Super-Bowl-Werbung eines globalen Lagerbierkonzerns. Diese Verhältnismäßigkeit ist vollständig verloren gegangen.

Es gibt zudem eine Wettbewerbsdimension, die das Problem verschärft. Das schwedische Gesetz gilt für schwedische Produzenten. Eine Brauerei aus Dänemark oder Italien kann Inhalte in schwedische Social-Media-Feeds veröffentlichen, die eine schwedische Brauerei nicht zeigen darf. Dasselbe Bild erreicht denselben schwedischen Konsumenten – nur der inländische Produzent muss rechtliche Konsequenzen fürchten. Das wirft berechtigte Fragen zur Vereinbarkeit mit den Prinzipien des EU-Binnenmarktes auf. Maßnahmen, die den freien Warenverkehr einschränken, müssen im Verhältnis zu dem Schaden stehen, den sie verhindern sollen. Ob eine Regel, die Bilder von Bier mit Essen verbietet, während das staatliche Einzelhandelsmonopol aktiv Speisenempfehlungen fördert, diesen Test besteht, ist zumindest diskutabel. Poppels hat angekündigt, die Frage nötigenfalls vor den Europäischen Gerichtshof zu bringen – mit möglicherweise erheblichen Folgen für vergleichbare Regelungen in anderen Mitgliedstaaten.

Was die EBCU fordert

Die EBCU fordert nicht die Abschaffung der Alkoholwerberegulierung. Beschränkungen von Lifestyle-Werbung, von an junge Menschen gerichteter Ansprache und von massenmarktgetriebenem Druck zu mehr Konsum bleiben legitim. Die Frage ist vielmehr, ob die Bildregel in ihrer derzeitigen Form und Anwendung im Verhältnis zu diesen Bedenken steht.

Wir rufen die schwedische Regierung dazu auf, die Bildregel unter dem ausdrücklichen Maßstab der Verhältnismäßigkeit zu überprüfen: verhindert sie tatsächlich schädliche Werbung, oder verhindert sie inzwischen vor allem ehrliche, produktbezogene Kommunikation, die informierte Verbraucher mit gutem Grund erhalten sollten? Die Antwort ist im Fall von Bier neben Essen klar.

Wir weisen außerdem auf diesen Fall als Teil eines breiteren Musters in Europa hin, bei dem Alkoholgesetze aus einer anderen Zeit auf kleine unabhängige Produzenten angewendet werden, ohne zu prüfen, ob sie überhaupt passen. Das Manifest der EBCU verpflichtet uns dazu, sicherzustellen, dass Bierkonsumenten gut informiert sind und durch sachliche Informationen über Qualitätsbiere unterstützt werden. Dieses Ziel erfordert regulatorische Rahmenbedingungen, die ehrliche Kommunikation ermöglichen. Die Bildregel, so wie sie im Fall Poppels angewendet wurde, tut das nicht.

De Leite – Paljas Winter Whisky Infused

Hinter dem Paljas-Bier steht die belgische Brauerei Brouwerij De Leite aus Oostkamp in der Nähe von Brügge. Sie gehört zu jener Generation moderner belgischer Brauer, die Tradition nicht als Museum verstehen, sondern als Werkzeugkasten. Gebraut wird mit natürlichen Zutaten und Flaschengärung, gleichzeitig erlaubt man sich aber kreative Spielräume. Genau daraus entsteht die Paljas-Reihe, deren Name übersetzt so viel wie Narr oder Spaßmacher bedeutet. Die Botschaft dahinter ist eindeutig: ernsthaft handwerklich gebraut, aber bitte ohne bierernste Attitüde. Klassische belgische Stile werden hier nicht kopiert, sondern freundlich angestupst. Und genau aus dieser Reihe stammt auch das Paljas Winter. Ein mit Whisky veredeltes Winter Ale mit 7,5 Volumenprozent Alkohol, das jetzt vor mir steht.

Rotbraun und opalisierend präsentiert sich das Bier im Glas. Die Schaumkrone ist etwas dürftig und so fällt sie auch schnell in sich zusammen.

Das Bier duftet malzbetont mit röstigen Noten und Karamell, etwas Karamell, nach Trockenfrüchten und Whisky. Ein so komplexes Aroma macht bei mir selbstverständlich Lust auf den ersten Schluck.

Der Antrunk ist recht süß und er überzeugt durch die sehr feinperlige Kohlensäure. Auf der Zunge kommt der Geschmack nach Rosinen und Whisky in den Vordergrund, wobei der Whisky weniger für Rauch als für wohlige Wärme sorgt – eher Ohrensessel als Lagerfeuer. Die Bittere ist sehr zurückhaltend. Mir fällt auf, dass das Bier für 7,5 Volumenprozent Alkohol einen recht schlanken Körper hat. In der Kehle wird der Geschmack des Whiskys kräftiger, so dass er die anderen Aromen überdeckt. Dafür klingt der Geschmack sehr lange nach und jetzt macht sich auch der Alkohol wärmend bemerkbar.

Ich finde dieses Bier gerade aus diesem Grund interessant: Es ist kein typisches Gewürzbier und auch kein süßes Dessert-Stout. Statt Weihnachtsgewürzen stehen Malz, belgische Gäraromen und Wärme im Mittelpunkt. Das Ergebnis ist ein Winterbier, das nicht nach Jahrmarkt schmeckt, sondern nach ruhigem Abend. Weniger Glühwein-Stimmung, mehr Kaminzimmer.

Zutaten:

Wasser, Gerstenmalz, Hopfen, Hefe, Whisky

Alkoholgehalt:

7,5 % Vol.

Bittereinheiten:

35 IBU

Farbe:

16 EBC

Brauerei:

Brouwerij de Leite
De Leiteweg 32a
8020 Oostkamp
Belgien
www.deleite.be

SANA FOOD: Glutenfreie Craft Biere sind die Attraktion

Glutenfrei, qualitativ hochwertig und zunehmend geschätzt. Die besten glutenfreien Biere und die italienischen Craft-Brauereien, die sie herstellen, sind die Protagonisten von SANA Food, der Ausstellung, die sich der Welt gesunder Ernährung, Nachhaltigkeit und Wohlbefinden widmet, dank der Verkostungen und Werbeaktivitäten von Unionbirrai, dem Verband kleiner unabhängiger Craft-Brauereien, veranstaltet vom CIA-Gebiet Italian Farmers.

Auf der Bologna Fair werden die glutenfreien Biere von fünf Craft-Brauereien, Gewinnern der World Gluten Free Beer Awards 2025, ausgestellt und verkostet. Eine Sonderauswahl, die die Entwicklung eines Segments schildert, das heute zunehmend zentral für die italienische Brauszene ist.

„Glutenfreie Biere sind heute ein Ausdruck von Qualität, Forschung und Aufmerksamkeit für den bewussten Verbraucher – erklärt Simone Monetti, Generalsekretärin von Unionbirrai – Wer sie inzwischen kauft, tut dies nicht nur wegen Allergien oder Unverträglichkeiten, sondern auch wegen des Wunsches nach dem Wohlbefinden, das dieses Produkt garantiert. Aus diesem Grund schenkt unser Verband der Auswahl dieser kleinen Brauereien immer mehr Aufmerksamkeit, die täglich glutenfreie Biere produzieren, die nichts mit den Klassikern zu beneiden haben und die nun ein Qualitäts- und Geschmacksniveau erreicht haben, das wir als ausgezeichnet bezeichnen können.“

Die Ausgabe 2026 der World Gluten Free Beer Awards, dem internationalen Wettbewerb, der ausschließlich glutenfreien Craft-Bieren gewidmet ist, wird von SANA Food ins Leben gerufen. Ab Mitte März kann man sich auf der Website www.wgfba.com bewerben, während die Preisverleihung am 31. Mai 2026 anlässlich von RiminiWellness stattfindet.

„Die diesjährige Ausgabe verspricht besonders reich an Nachrichten zu sein und wird einen strategischen Moment für Craft-Brauereien darstellen, die sich in einem wachsenden Markt autoritativ positionieren wollen – erklärt Alfonso Del Forno, der Veranstalter des Wettbewerbs –. Glutenfreie Biere haben inzwischen ein sehr hohes Niveau erreicht und ein zunehmend breiteres und anspruchsvolles Publikum, das den Geschmack und alle Eigenschaften eines guten Craft-Biers nicht aufgeben will.“

Der Sektor wächst tatsächlich stark. Laut den neuesten offiziellen Daten des „Jahresberichts an das Parlament über Zöliakie“ des Gesundheitsministeriums wurden in Italien fast 270.000 Zöliakiepatienten diagnostiziert. Hinzu kommen die 18 % der Italiener, die laut dem von Eurspes erstellten Italien-Bericht 2025 glutenfreie Lebensmittel bevorzugen. Ein immer größerer und anspruchsvoller werdender Teil der Bevölkerung, was Vielfalt und Qualität des Geschmacks angeht.

Ein Trend, den handwerkliche Hersteller mit Weitblick abfangen konnten. „Unsere Kunsthandwerker haben einen großen Wert – schließt Monetti (Unionbirrai) – nämlich das Potenzial dieses Marktes erkannt und alle Anstrengungen darauf verwendet, glutenfreie Biere von höchster Qualität herzustellen. Ein Engagement, das von den Verbrauchern und auch von diesem wichtigen Wettbewerb belohnt wird, der jedes Jahr die besten Brauereien des Sektors sanktioniert.“

Hildesheimer Braumanufaktur – Double Sage

Die Hildesheimer Braumanufaktur ist zwar nur eine kleine Brauerei, aber mit dem Alten Wasserwerk steht Jan und Malte ein riesiges Grundstück zur Verfügung. Und auf den Grünflächen wachsen neben herrlich süßen Brombeeren auch viele Kräuter, die die beiden ab und an in Sondersuden mit verbrauen. Jetzt steht vor mir das Double Sage, wie der Name bereits aussagt, ein Bier mit Salbei. So weit, so (fast) normal. Außergewöhnlich ist aber, dass in diesem Fall ein Stout als Basisbier verwendet wurde. So bin ich jetzt gespannt, wie sich der Salbei im Bier macht.

Blickdicht schwarz präsentiert sich das Bier im Glas. Die Schaumkrone ist hellbraun und fällt recht flott in sich zusammen. Aber das war ja zu erwarten.

Komplexe Aromen steigen mir in die Nase. Der Salbei steht im Vordergrund, lässt aber noch ausreichend Raum für Röstaromen, die an Kaffee und dunkle Schokolade erinnern.

Der Antrunk ist stiltypisch süß und überzeugt durch die sehr feinperlige Kohlensäure. Am Gaumen spiegeln sich die Aromen wider, die ich bereits in der Nase festgestellt habe. Dass der Salbei mit den Röstaromen so gut harmonisiert, hätte ich mir vorher nicht vorstellen können. Säure kann ich nicht feststellen und auch die Bittere ist nur zurückhaltend vorhanden. Erst in der Kehle kommt sie überraschend kräftig zum Tragen und zusammen mit dem Geschmack des Salbeis klingt der Geschmack sehr lange nach.

Zutaten:

Wasser, Gerstenmalz, Haferflocken, Hopfen, Salbei, Hefe

Alkoholgehalt:

6,5 % Vol.

Brauerei:

Hildesheimer Braumanufaktur
Goslarsche Landstr. 15
31135 Hildesheim
www.hildesheimer-braumanufaktur.de

Poppels kämpft vor Gericht gegen Werbeeinschränkungen

Die sogenannte Image-Regel hat dazu geführt, dass Poppels Brauerei in Schwierigkeiten geraten ist. Nun hat das Patent- und Marktgericht die Geldstrafe halbiert, mit der die Schwedische Verbraucherschutzbehörde der Brauerei gedroht hat, nachdem sie Bilder von Bier zusammen mit Lebensmitteln veröffentlicht hatte. Doch mit Unterstützung der schwedischen Brauereien geht die Angelegenheit nun vor das Patent- und Marktberufungsgericht.

In einem Aufsichtsfall im Frühjahr 2022 äußerte sich die Schwedische Verbraucherschutzbehörde zu mehreren Poppels Beiträgen in den sozialen Medien, die Bier zusammen mit anderen Lebensmitteln, Holzfässern, einer Person in einem Industriegebäude, auf einem Stein und neben Kochmaterialien zeigten. Die schwedische Verbraucherschutzbehörde betrachtete die Kombinationen nicht als moderat und stellte fest, dass sie gegen die sogenannte Bildregel verstießen. Der Verbraucherombudsmann (KO) drohte mit einer Geldstrafe von einer Million Kronen und einem Verbot fortgesetzter, ähnlicher Kommunikation.

Die Frage wurde nun vom Patent- und Marktgericht geprüft, und am Donnerstag erging das Urteil, das die Geldstrafe auf eine halbe Million Kronen halbierte.

„Essen in Kombination mit Getränken zu zeigen ist sowohl verantwortungsvoll als auch relevant. Das Getränk wird als Teil einer Mahlzeit und als Kontext hervorgehoben, was positiv – nicht negativ – für die öffentliche Gesundheit ist“, sagt Mats Wahlström, CEO von Poppels Bryggeri. Außerdem kritisiert er, dass schwedische Produzenten anders behandelt werden als ausländische Produzenten.

„Heute ist Marketing hauptsächlich digital und international. Als schwedische Brauerei müssen wir nach schwedischem Recht kommunizieren, auch wenn wir ins Ausland zielen. Die Auslegung der Schwedischen Verbraucherschutzbehörde würde bedeuten, dass Wettbewerber aus anderen EU-Ländern einen großen Wettbewerbsvorteil hätten, weil sie die schwedischen Regeln nicht einhalten müssen, während wir in Wirklichkeit Exportbarrieren unterliegen würden. Wir wären sowohl im In- als auch im Ausland benachteiligt“, sagt Mats Wahlström.

Mit Unterstützung des Schwedischen Brauereiverbandes verfolgt die Poppels Bryggeri die Angelegenheit nun weiter vor dem Patent- und Marktberufungsgericht.

„Poppels kämpft für alle schwedischen Brauereien, wenn sie die Einschätzung der Schwedischen Verbraucherschutzbehörde infrage stellen. Deshalb haben wir vom Schwedischen Brauereiverein gemeinsam mit unserem Vorstand beschlossen, Poppels vollständig zu unterstützen. Die Auslegung der Behörde stellt eine Bedrohung für die schwedische Brauindustrie dar, die in der Praxis nicht auf die gleiche Weise über ihre Marken sprechen dürfte wie über ihre ausländischen Konkurrenten“, sagt Anna-Karin Fondberg, Geschäftsführerin der Swedish Breweries.

Es ist höchste Zeit, dass die Bildregel, die besagt, dass Alkoholwerbung nur das Produkt oder die Rohmaterialien, die Teil des Produkts sind, individuelle Verpackungen und Marken zeigen darf, überprüft wird. Dies ist auch die Meinung des Alkoholinspektors Mattias Grundström.

„Wenn du mich fragst, ist die Bildregel unverständlich. „Es ist eine Erfindung der 70er Jahre, die man möglicherweise verstehen kann, wenn man sie im Kontext der 70er Jahre einordnet, als Schweden drei große Monopole hatte und weder Radio- noch Fernsehwerbung, grenzüberschreitenden Handel oder EU-Mitgliedschaft“, sagt er und fährt fort: „Als die Regeln kamen, galt es als wichtig, mit den gesellschaftlichen Entwicklungen Schritt zu halten, und wir leben heute in einer anderen Zeit und Welt. Schweden ist keine isolierte Insel mehr, sondern Teil der EU und nutzt dasselbe Internet. Es gibt auch keine Logik, Alkohol nicht verantwortungsvoll als Mahlzeitengetränk kommunizieren zu dürfen, zumal es der öffentlichen Gesundheit zugutekommt, während man Alkohol konsumiert. Deshalb gibt es Lebensmittelanforderungen für Servierlizenzen. Die Alternative ist, Alkohol als berauschendes Getränk zu kommunizieren, denn wenn alles andere im Bild verschwindet, bleibt nur noch der Alkohol übrig. Man muss zwischen Bildern unterscheiden, die Alkoholkonsum romantisieren, und solchen, die vermitteln, dass ein bestimmtes Gericht für ein bestimmtes alkoholisches Getränk geeignet ist, wie ein leichtes Bier, ein Stout oder ein IPA.

Circus – Winter Ale

Wer eine Brauerei „Circus Brouwerij“ nennt, verpflichtet sich natürlich zu einem gewissen Unterhaltungsprogramm. Hinter dem Namen stecken tatsächlich zwei ehemalige Zirkusartisten aus Belgien, die irgendwann beschlossen haben, dass Applaus zwar schön ist, aber ein volles Glas deutlich nachhaltiger wirkt. Also gründeten sie eine Brauerei – und machen seitdem Biere mit mehr Charakteren als eine Kleinkunstbühne an einem Freitagabend.

Die Etiketten lesen sich entsprechend wie ein Programmheft, und jedes Bier bekommt seine eigene Rolle. Beim Winter Ale betritt ein Lebkuchenmännchen die Manege. Sie wissen also schon vor dem ersten Schluck: Hier wird nicht nur gebraut, hier wird inszeniert.

Im Glas zeigt sich das Circus Winter Ale mahagonifarben mit üppiger elfenbeinfarbener Schaumkrone und einladend.

In der Nase treten sofort Lebkuchengewürze auf den Plan – Weihnachten ohne Einkaufsstress. Dazu kommen Aromen nach Nelken, Karamell, Vanille, Zimt, und etwas Banane, dazu aus dem Hintergrund noch ein Hauch Melasse.

Der Antrunk ist weich und vollmundig. Er zeichnet sich durch seine angenehme Malzsüße sowie die sehr feinperlige Kohlensäure aus. Das Circus Winter Ale ist kein Hauruck-Winterbier. Am Gaumen dominieren die Röstaromen, unterstützt durch die Gewürze, die eindeutig denen des Spekulatius aus den Niederlanden entsprechen. Die Bittere ist stil- und herkunftstypisch gering und das Mundgefühl ist weich. Auch in der Kehle ist das Bier mild, die 10 Volumenprozent Alkohol wärmen im Magen und in der Kehle klingt der Geschmack überraschend lange nach.

Das ist kein Durstlöscher, sondern ein Begleiter. Eines dieser Biere, bei denen man automatisch langsamer trinkt und plötzlich anfängt, über das Leben nachzudenken – oder zumindest darüber, ob noch Plätzchen da sind. Und das Schönste: Das Circus Winter Ale ist flüssiger Advent, ganz ohne Last Christmas im Radio.

Zutaten:

Wasser, Gerstenmalz, Hopfen, Zucker, Hefe, Gewürze, Frühstückskuchen

Alkoholgehalt:

10,0 % Vol.

Farbe:

28 EBC

Brauerei:

Circus Brouwerij
Transfostraat 28
8550 Zwevegen
Belgien
https://www.circusbrouwerij.be

Österreichs Braubilanz 2025: Brauerei-Branche im Wandel

Die europäische Bierwelt entdeckt gerade eine Wahrheit wieder, die Stammtische schon lange kennen: Gute Laune trinkt mehr als schlechte. Oder, wie es der österreichische Branchenvertreter Karl Schwarz formuliert: Zuversicht ist der Konsummotor schlechthin. 2025 lief dieser Motor allerdings eher im Sparmodus.

In Österreich – einem Land, in dem Bier traditionell nicht als Getränk, sondern als Kulturgut gilt – sank der Gesamtausstoß auf 9,25 Millionen Hektoliter. Das sind gut sieben Prozent weniger als im Jahr davor. Produziert wurden im Inland 7,88 Millionen Hektoliter, exportiert 1,37 Millionen. Besonders deutlich: Der Export brach stärker ein als der heimische Absatz. Allerdings nicht unbedingt, weil plötzlich niemand mehr österreichisches Bier trinken möchte, sondern weil große Konzerne Produktion innerhalb ihrer internationalen Strukturen verschoben haben.

Kurz gesagt: Das Bier verschwindet nicht – es wird nur woanders gebraut.

Der eigentliche Grund liegt tiefer. Weniger Menschen, andere Gewohnheiten, vorsichtigeres Geldausgeben und eine allgemeine wirtschaftliche Unsicherheit sorgen dafür, dass Konsum insgesamt sinkt. Und Bier ist nun einmal Teil des Konsums. Europaweit betrifft das nicht nur Brauereien, sondern praktisch alle Getränkehersteller.

Der Zenit ist überschritten – aber nicht die Kultur

Die Branche sieht darin keine Krise, sondern eine neue Normalität. Bierausstoß und Pro-Kopf-Konsum sind weiterhin hoch, nur Wachstum in Litern erwartet niemand mehr. Das klingt dramatisch, bedeutet aber vor allem: Die Zeit des „immer mehr“ ist vorbei, die Zeit des „bewusster“ hat begonnen.

Das zeigt sich besonders deutlich beim Ausgehen. Über die Hälfte der Menschen geht seltener in die Gastronomie als früher. Gründe sind nicht nur Geld, sondern auch Zeit und veränderte Prioritäten. Zwei Drittel verzichten gelegentlich aufs Fortgehen, obwohl sie eigentlich Lust hätten.

Das ist für Brauereien schmerzhaft, denn Fassbier ist traditionell die wirtschaftlich attraktivste Kategorie. 2025 wurden umgerechnet zwölf Millionen Krügerl weniger gezapft. Gleichzeitig verschwinden Wirtshäuser – mehrere hundert in den letzten Jahren. Für eine Bierkultur ist das ungefähr so gesund wie Regen im Sudkessel.

Und doch zeigt eine Studie etwas sehr Typisches: Wenn Menschen ausgehen, geht es ihnen besser. Neun von zehn berichten von gesteigertem Wohlbefinden. Drei Viertel würden rückblickend lieber schöne Erinnerungen sammeln als Geld sparen.

Mit anderen Worten: Alle wissen, dass ein Abend im Wirtshaus guttut – sie machen es nur seltener.

Alkoholfrei wächst – aber ersetzt nichts

Während klassische Biere verlieren, wächst eine Kategorie zuverlässig: alkoholfreies Bier. Rund 300.000 Hektoliter wurden 2025 für den heimischen Markt produziert, etwa 60 Millionen Glas Bier ohne Alkohol. Der Anteil liegt zwar erst bei etwa vier Prozent, steigt aber konstant.

Das Interessante daran: Alkoholfreies Bier ersetzt kein normales Bier. Es ergänzt es. Menschen trinken nicht weniger, sie trinken anders – situationsabhängig, bewusster, flexibler. Besonders im Januar oder am Jahresende legten die Absätze deutlich zu.

Oder anders formuliert: Früher gab es Bier oder kein Bier. Heute gibt es Bier und Bier.

Der große Einbruch der Dose

Die drastischste Veränderung kam nicht aus dem Geschmack, sondern aus der Politik: das Einwegpfand. Die Folge war spektakulär – rund 100 Millionen Bierdosen weniger wurden produziert, ein Rückgang um 23 Prozent. Pro Tag wurden 274.000 Dosen weniger gefüllt.

Interessant ist dabei, dass diese Menge fast exakt dem gesamten Produktionsminus entspricht. Die Nachfrage nach Bier ist also nicht einfach verschwunden, sondern hat sich verschoben. Mehrwegflaschen legten leicht zu, besonders die klassische 0,5-Liter-Flasche und kleine Mehrweggebinde.

Die Branche rechnet damit, dass sich die Dose langfristig wieder stabilisiert. Sie hat schlicht zu viele praktische Vorteile bei Veranstaltungen oder unterwegs, um dauerhaft zu verschwinden.

Mehrweg statt Mehr – Nachhaltigkeit wird Alltag

Bier bleibt außerdem das nachhaltigste Getränk im Regal. Der Mehrweganteil stieg auf 72 Prozent. Besonders beliebt: die klassische Halbliterflasche, deren Anteil deutlich wuchs. Auch die kleine 0,33-Liter-Mehrwegflasche legte kräftig zu.

Für Außenstehende klingt das unspektakulär, für Brauereien ist es eine kleine Revolution. Die Verpackung entscheidet zunehmend über Marktanteile – nicht der Alkoholgehalt.

Gleichzeitig stiegen die heimischen Erntemengen bei Hopfen und Braugerste. Dadurch wächst die Eigenversorgung, während die Gesamtproduktion sinkt. Ein paradoxer Effekt: weniger Bier, aber regionaler.

Der Klassiker bleibt König

Trotz aller Trends bleibt eines konstant: Das Märzen dominiert weiterhin klar. Rund 70 Prozent der Produktion entfallen auf den klassischen Lagerstil. Spezialbiere spielen eine Rolle, alkoholfreie wachsen – aber am Ende bestellt die Mehrheit immer noch das, was sie seit Jahren bestellt.

Die Zukunft: weniger Menge, mehr Bedeutung

Die Branche setzt jetzt weniger auf Wachstum in Litern als auf Bedeutung im Alltag. Kampagnen sollen Menschen wieder ins Wirtshaus bringen, Tourismus hilft dabei – mit 157 Millionen Übernachtungen 2025 so stark wie nie.

Denn am Ende hängt die Bierproduktion nicht nur an Durst, sondern an Begegnung. Bier ist kein Einzelkonsumgut, sondern ein soziales Getränk. Wenn Menschen sich treffen, steigt der Absatz. Wenn sie zuhause bleiben, sinkt er.

Die Braubilanz 2025 zeigt daher weniger eine Krise als eine Verschiebung: weg vom Massenkonsum, hin zum Anlass. Weniger Gewohnheit, mehr Entscheidung.

Oder einfacher gesagt: Früher trank man Bier, weil es da war. Heute trinkt man es, weil man es will.