Europas Bierbranche unter Druck: Zwischen Absatzrückgang, Regulierung und neuen Chancen

Die weltweite Bierbranche erlebt seit einigen Jahren eine Phase der Ernüchterung. In Nordamerika meldete die Brewers Association zuletzt erneut rückläufige Absatzzahlen und eine sinkende Zahl an Craft-Brauereien in den USA. Auch Kanada verzeichnete 2024 zum zweiten Mal in Folge einen Rückgang: Laut Berechnungen von Jason Foster (On Beer) sank die Zahl der Brauereien um 2,9 Prozent. In Mexiko kommen zu den wirtschaftlichen Schwierigkeiten zusätzlich neue US-Zölle, die die Lage weiter verschärfen.

Besser sieht es auch in Europa nicht aus. Das zeigt ein aktueller Bericht der Brewers of Europe, des europäischen Brauereiverbands mit Sitz in Brüssel. Zwar ist die Zahl der Brauereien mit rund 9.700 Betrieben stabil geblieben, doch die Absatzmengen gehen weiter zurück und liegen inzwischen deutlich unter dem Niveau von 2019, also vor der Pandemie.

Für Julia Leferman, Generalsekretärin der Brewers of Europe, geht es dabei um mehr als wirtschaftliche Kennzahlen. Ihrer Ansicht nach steht ein Teil der europäischen Alltagskultur auf dem Spiel.

„Wir sagen gerne, dass Bier mehr ist als nur ein Produkt“, erklärt Leferman. „Es ist seit Jahrhunderten Teil des europäischen Lebens. Es geht nicht nur darum, die Bierwirtschaft zu schützen, sondern Lebensgrundlagen, Gemeinschaften und die Verbindung zwischen Menschen zu bewahren.“

Rückgänge mit regionalen Unterschieden

Wie der Bericht zeigt, ähneln die Herausforderungen in Europa denen in Nordamerika: schwächelnde Konjunktur, steigende Kosten und ein veränderter Umgang mit Alkohol. Gleichzeitig ist die Situation nicht überall gleich. Während viele Länder Rückgänge melden, gibt es einzelne Ausnahmen wie Italien, wo bestimmte Segmente noch leicht wachsen.

Hinzu kommt eine Besonderheit des europäischen Marktes: mögliche neue Regulierungen auf nationaler und EU-Ebene. Die Brewers of Europe fordern daher „regulatorische Stabilität und Unterstützung“. Wie diese konkret aussehen könnte, bleibt allerdings offen.

Große Brauereien verlieren stärker

In Polen lassen sich die Verschiebungen gut beobachten. Marek Kamiński, Inhaber von Browar Kingpin und Berater der Brauerei Browar Wąsowo nahe Poznań, beschreibt die Lage nüchtern:

„Aus Sicht des Gesamtmarktes geht es nach unten“, sagt Kamiński. „Den Höchststand bei Produktions- und Verkaufszahlen haben wir 2018 erreicht.“

Seitdem sind Produktion und Konsum in Polen um rund 20 Prozent gesunken. Die Verluste verteilen sich jedoch ungleich.

„Man kann klar sagen, dass vor allem die Großen verlieren“, so Kamiński weiter. „Sie verlieren Volumen bei klassischem Lagerbier und bei starkem Lager.“

Während diese traditionellen Kategorien schrumpfen, wächst alkoholfreies Bier weiter und macht inzwischen etwa zehn Prozent des polnischen Marktes aus. Internationale Konzerne wie Heineken, Carlsberg oder Asahi verlieren Marktanteile und schließen teilweise traditionsreiche Standorte. Kleinere Brauereien sind davon bislang weniger stark betroffen.

„Dem Craft-Bier-Segment geht es sichtbar besser“, erklärt Kamiński. „Vor der Pandemie ist es sehr dynamisch gewachsen. Heute hat sich das Wachstum verlangsamt, aber der Markt ist weitgehend stabil.“

Ein ähnliches Bild zeigt sich in Tschechien. Dort trifft der Rückgang des Pro-Kopf-Konsums vor allem industrielle Brauereien. Die großen Anbieter reagieren mit Exportoffensiven sowie einem stärkeren Fokus auf alkoholfreie Biere, Radler und andere Getränke. Kleinbrauereien halten sich trotz steigender Kosten für Rohstoffe, Energie und Personal bislang vergleichsweise gut.

Auch in Ungarn zeigt sich eine Sättigung an der Spitze des Marktes. Nathan Ford, Export Sales Manager bei Horizont Brewing in Budapest, beobachtet deutliche Verluste bei den größten Produzenten, während kleinere Brauereien stabile oder leicht steigende Zahlen melden.

„Für alle wird es schmerzhaft und finanziell anspruchsvoll, zu überleben“, sagt Ford.

Wirtschaft, Konsumverhalten und Regulierung

Die Probleme der europäischen Brauereien haben mehrere Ursachen. Zum einen erholt sich die Wirtschaft in vielen EU-Ländern nur langsam. Besonders deutlich ist das in Deutschland, dessen Wirtschaft seit Jahren stagniert. Laut einem Bericht der New York Times haben allein dort innerhalb von zwölf Monaten mehr als 50 der rund 1.500 Brauereien geschlossen.

Zum anderen verändert sich das Trinkverhalten. Der Absatz in Kneipen, Cafés und Restaurants ist seit 2018 in vielen Ländern deutlich zurückgegangen, während mehr Bier zu Hause konsumiert wird. Gleichzeitig verschwinden spezialisierte Getränkefachgeschäfte, etwa in Deutschland und Polen. Gerade kleinere Brauereien geraten dadurch unter Druck, da sie oft keine eigenen Vertriebsstrukturen haben.

Eine weitere Herausforderung sind neue gesetzliche Regelungen, häufig vorangetrieben von alkoholkritischen Bewegungen. In Polen wird über ein Gesetz diskutiert, das Alkoholwerbung stark einschränken oder vollständig verbieten könnte – ähnlich wie eine Regelung, die im Sommer in Lettland in Kraft trat.

„Wenn das kommt, können wir nicht einmal mehr unsere sozialen Medien nutzen oder öffentlich über unsere Biere sprechen“, sagt Kamiński.

Andere Regulierungen, etwa zu nachhaltiger Verpackung und Recycling, erscheinen sinnvoll, können aber je nach Umsetzung unterschiedlich wirken. In Polen beantragten kleine Brauereien Ausnahmen von einem neuen Pfandsystem, da sie nur etwa zwei Prozent Marktanteil haben. In Ungarn hatten große Brauereien vor Einführung eines ähnlichen Systems pfandfreie Verpackungen auf Vorrat gekauft und konnten Preise länger stabil halten. Kleine Betriebe mussten die Mehrkosten sofort weitergeben.

Strengere Vorhaben wie Irlands geplante Gesundheitswarnhinweise auf Alkohol – vergleichbar mit Zigarettenpackungen – wurden inzwischen verschoben. Die Einführung ist nun erst für 2028 geplant. Als Begründung nannte die Regierung unter anderem wirtschaftliche Belastungen durch neue US-Zölle und andere Schwierigkeiten der Getränkeindustrie.

Anpassungsfähigkeit als Vorteil

Trotz aller Probleme sieht Sam Fleet vom Brussels Beer Project Chancen für kleinere Brauereien. Diese seien oft flexibler als große Konzerne. BBP brachte zuletzt mit Delta Zero ein alkoholfreies Bier auf den Markt, basierend auf dem erfolgreichen Delta IPA – als Ergänzung zum bisherigen NA-Bier Pico Bello.

„Das macht inzwischen zehn Prozent unseres Umsatzes aus“, sagt Fleet. „In unserer Größenordnung können wir sehr schnell reagieren.“

In Budapest setzt Horizont Brewing ebenfalls auf neue Wege. Neben Bier produziert die Brauerei inzwischen auch botanische Limonaden, Tees und Cold-Brew-Getränke.

„Wir haben gerade eine Reihe alkoholfreier Cold-Brew-Getränke veröffentlicht“, erklärt Ford. „Viele Craft-Brauereien entwickeln sich aktuell zu allgemeinen Getränkeherstellern.“

Bier als Teil europäischer Kultur

Auch Julia Leferman sieht langfristige Chancen. Bier habe im Vergleich zu Wein und Spirituosen einen moderateren Alkoholgehalt, und alkoholfreie Varianten gewinnen weiter an Bedeutung. Zudem verfüge die Branche mit Mehrwegfässern über besonders nachhaltige Verpackungen.

„Unsere Mitglieder haben die umweltfreundlichste Verpackung überhaupt – das Fass“, sagt Leferman. „Es hat eine Lebensdauer von 25 Jahren, kann immer wieder genutzt werden und bietet enorme Vorteile.“

Was die Branche aus ihrer Sicht vor allem brauche, sei weniger finanzielle Unterstützung als flexible, differenzierte Gesetzgebung. Einheitliche Lösungen seien nicht für alle Länder sinnvoll – etwa bei Pfand- oder Recyclingsystemen.

Dabei sollte die Politik nicht vergessen, welche Rolle Bier in Europa spielt. Laut dem Bericht der Brewers of Europe beschäftigt die Branche direkt rund 120.000 Menschen, hinzu kommen zahlreiche Arbeitsplätze in Gastronomie, Landwirtschaft und Logistik.

„Wir sind Teil der europäischen Geschichte“, sagt Leferman. „Genau das verteidigen wir – um zu verhindern, dass ein Sektor stigmatisiert wird, der tief in Europas Landwirtschaft, Kultur und Zukunft verwurzelt ist.“

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