Weniger Braugerste auf deutschen Feldern: Wie sich die Rohstoffbasis der Brauereien verändert
Die deutsche Getreideernte fällt 2026 deutlich kleiner aus als im vergangenen Jahr. Trockenheit und Hitze haben vor allem im Süden Deutschlands Spuren hinterlassen. Für Brauereien ist dabei eine Getreideart besonders interessant: die Sommergerste. Ihre Anbaufläche schrumpft seit Jahren – und 2026 zeigt sich, dass dahinter längst mehr steckt als nur ungünstiges Wetter.
Nach den im Frühjahr veröffentlichten Schätzungen des Statistischen Bundesamtes sollte Sommergerste 2026 bundesweit auf rund 287.100 Hektar wachsen. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Rückgang um 8,2 Prozent. Während die gesamte deutsche Getreidefläche leicht zunahm, verlor ausgerechnet die für die Malzherstellung besonders wichtige Sommergerste deutlich an Fläche.
Noch lässt sich daraus allerdings nicht unmittelbar ableiten, wie viel Braugerste den deutschen Mälzereien aus der diesjährigen Ernte tatsächlich zur Verfügung stehen wird. Nicht jede Sommergerste wird als Braugerste angebaut und nicht jede dafür vorgesehene Partie erreicht am Ende die erforderliche Qualität.
Nach einer Schätzung der Braugersten-Gemeinschaft e.V., in der Verbände aus Pflanzenzüchtung, Getreidehandel, Mälzereien und Brauwirtschaft zusammenarbeiten, wurden 2026 rund 307.000 Hektar Sommergerste mit dem Ziel Brauqualität bewirtschaftet. In dieser Zahl enthalten sind auch Sommergerstensorten, die bereits im Herbst ausgesät wurden. Eine endgültige bundesweite Bilanz der tatsächlich erzeugten Qualitätsbraugerste liegt für 2026 noch nicht vor.
Bayern erntet deutlich weniger Sommergerste
Wie stark sich die Kombination aus kleinerer Anbaufläche und ungünstiger Witterung auswirken kann, zeigt Bayern. Nach vorläufigen Angaben des Bayerischen Landesamtes für Statistik werden dort 2026 rund 370.000 Tonnen Sommergerste geerntet. Das sind 22,7 Prozent weniger als im vergangenen Jahr und 16,1 Prozent weniger als im Durchschnitt der Jahre 2020 bis 2025.
Verantwortlich dafür ist nicht allein das Wetter. Die Anbaufläche sank gegenüber 2025 um 13,8 Prozent auf 73.273 Hektar. Gleichzeitig ging der durchschnittliche Ertrag um 10,3 Prozent auf 50,1 Dezitonnen je Hektar zurück.
Vor allem die Trockenheit machte der im Frühjahr ausgesäten Sommerbraugerste zu schaffen. Nach einer ersten Bilanz der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft stehen im Freistaat rund 240.000 Tonnen Qualitätsbraugerste aus der diesjährigen Ernte zur Verfügung. Damit kann Bayern lediglich knapp die Hälfte des Bedarfs seiner Mälzereien aus der eigenen Ernte decken.
Eine akute Versorgungskrise bedeutet das allerdings nicht. Bayerische Mälzereien beziehen ohnehin Braugerste aus anderen Regionen Deutschlands. Zudem bestehen noch Bestände aus der Ernte des vergangenen Jahres.
Sommergerste erreicht historischen Tiefstand
Bemerkenswerter als die Schwankungen eines einzelnen Erntejahres ist deshalb die langfristige Entwicklung.
In Bayern wurde die Sommergerste in den 1980er-Jahren noch auf mehr als 300.000 Hektar angebaut. Davon ist nur ein Bruchteil übrig. Mit gut 73.000 Hektar erreicht die Anbaufläche 2026 einen neuen historischen Tiefstand.
Auch bundesweit zeigt die Entwicklung nach unten. Dabei kann der Rückgang nicht allein mit dem Klimawandel erklärt werden. Für Landwirte ist Braugerste eine anspruchsvolle Kultur. Um die von Mälzereien verlangten Qualitätsparameter zu erreichen, wird unter anderem zurückhaltender gedüngt. Das begrenzt den möglichen Ertrag.
Gleichzeitig trägt der Landwirt ein erhebliches wirtschaftliches Risiko: Erfüllt die Ernte die Anforderungen für Braugerste nicht, kann sie möglicherweise nur als Futtergerste verkauft werden – zu einem entsprechend niedrigeren Preis.
Der Bayerische Bauernverband sieht deshalb vor allem die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen kritisch. Der notwendige Preisaufschlag für Braugerste habe den zusätzlichen Aufwand und das Risiko in den vergangenen Jahren immer seltener ausreichend ausgeglichen. Als wesentlichen Grund für den Rückgang der Anbauflächen nennt der Verband daher den zu niedrigen Erzeugerpreis.
Weniger Menge bedeutet nicht automatisch schlechtere Qualität
Zumindest bei der Qualität gibt es aus Bayern in diesem Jahr auch positive Nachrichten. Obwohl die Erträge geringer ausfallen, berichtet die Branche von gesunder Ware. Krankheitsdruck und Pilzbefall spielten bei der bislang untersuchten Gerste keine größere Rolle.
Das zeigt zugleich, wie unterschiedlich zwei Erntejahre ausfallen können. 2025 stand erheblich mehr Braugerste zur Verfügung. Damals sorgten jedoch längere Regenperioden während der Ernte vor allem im Süden dafür, dass einzelne Partien durch Auswuchs ihre Brauqualität verloren.
Für 2026 zeichnet sich eher das umgekehrte Bild ab: Die Menge fällt kleiner aus, die vorhandene Ware kann qualitativ aber durchaus überzeugen.
Winterbraugerste wird zur Alternative
Parallel zum Rückgang der klassischen Sommergerste verändert sich der Braugerstenanbau.
Eine zunehmend wichtige Rolle spielt Winterbraugerste. Noch vor einigen Jahren wurde sie von Teilen der Malz- und Brauwirtschaft skeptisch betrachtet. Neue Sorten haben ihre Verarbeitungseigenschaften jedoch verbessert.
Nach Angaben der Braugersten-Gemeinschaft wurden 2025 deutschlandweit rund 30.300 Hektar Winterbraugerste angebaut. Für die Ernte 2026 wurden bereits gut 37.000 Hektar erwartet. Hinzu kommt eine weitere Entwicklung: Sommergerstensorten müssen nicht zwangsläufig im Frühjahr ausgesät werden. Rund 30.000 Hektar der für 2026 erwarteten Sommergerstenfläche wurden bereits im Herbst 2025 bestellt.
Die Versorgung der Malz- und Brauwirtschaft ruht damit zunehmend auf drei Säulen: klassischer Sommergerste aus Frühjahrsaussaat, im Herbst ausgesäter Sommergerste und Winterbraugerste. Das soll nicht zuletzt das Wetterrisiko verteilen. Herbstsaaten gehen mit einem Entwicklungsvorsprung in das Frühjahr und können die Feuchtigkeit der Wintermonate besser nutzen. Trockenperioden während des Frühjahrs und Frühsommers können dadurch teilweise besser abgefedert werden.
Regionale Unterschiede bleiben groß
Wie unterschiedlich sich die Witterung auswirkt, zeigt ein Blick nach Niedersachsen. Während die Trockenheit insbesondere im Süden Deutschlands Probleme bereitete, profitierten die dortigen Braugerstenbestände von Niederschlägen im Mai und Juni. Schon während der Ernte wurde die Qualität der Sommerbraugerste positiv eingeschätzt. Die Ernte 2026 ist deshalb keine bundesweit einheitliche Missernte bei der Braugerste.
Deutschlandweit fällt die Getreideernte dennoch deutlich kleiner aus. Nach dem am 2. September vorgestellten Erntebericht des Bundeslandwirtschaftsministeriums werden rund 37,4 Millionen Tonnen Getreide erwartet. Das sind 7,3 Prozent weniger als im vergangenen Jahr. Der durchschnittliche Hektarertrag liegt 5,6 Prozent unter dem Vorjahreswert.
Die Rohstoffversorgung der Brauereien verändert sich
Für Brauereien und Mälzereien dürfte kurzfristig weniger die absolute Verfügbarkeit von Braugerste zum Problem werden. Lagerbestände, der überregionale Handel sowie Sommer- und Winterbraugerste aus unterschiedlichen Anbauregionen stabilisieren die Versorgung. Langfristig ist die Entwicklung dennoch bemerkenswert.
Wenn die klassische Sommerbraugerste für Landwirte wirtschaftlich an Attraktivität verliert und gleichzeitig Wetterextreme häufiger die Erträge gefährden, muss sich die Rohstoffbasis der Brauwirtschaft anpassen. Winterbraugerste und im Herbst ausgesäte Sommergerste sind deshalb längst mehr als landwirtschaftliche Experimente.
Für eine Branche, die gern mit regionalen Rohstoffen und kurzen Lieferketten wirbt, stellt sich damit zunehmend die Frage, wie sich der heimische Braugerstenanbau wirtschaftlich attraktiv und gleichzeitig widerstandsfähiger gegen Wetterextreme gestalten lässt.
Die Ernte 2026 verursacht noch keinen Mangel an Braumalz. Sie macht aber deutlich, dass sich auf den Feldern bereits ein Wandel vollzieht, der langfristig auch für Deutschlands Brauereien von Bedeutung sein dürfte.