Streit um Alkoholregulierung: Diageo widerspricht World Brewing Alliance
Zwischen der World Brewing Alliance (WBA) und dem Spirituosenkonzern Diageo ist eine öffentliche Debatte über den richtigen Umgang mit alkoholischen Getränken entbrannt. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Bier aufgrund seines im Vergleich zu Spirituosen meist niedrigeren Alkoholgehalts regulatorisch anders behandelt werden sollte.
Auslöser war ein Beitrag von Justin Kissinger, Präsident und CEO der World Brewing Alliance. Darin vertritt er die Ansicht, Bier könne bei einem bewussteren Umgang mit Alkohol eine besondere Rolle spielen. Für Verbraucher, die ihren Alkoholkonsum reduzieren oder ganz darauf verzichten wollten, sei Bier aufgrund des Angebots alkoholreduzierter und alkoholfreier Varianten besonders geeignet.
Kissinger formulierte seine Position deutlich: „Für Verbraucher, die ein Getränk mit weniger oder ganz ohne Alkohol suchen, ist Bier die naheliegende Wahl.“ Gleichzeitig stellte er Bier als mögliche Alternative zu Getränken mit deutlich höherer Alkoholkonzentration wie Spirituosen heraus.
Zur Begründung verwies der WBA-Chef unter anderem auf eine Untersuchung von WHO Europa zur Alkoholpolitik in Russland. Nach seiner Darstellung waren Maßnahmen, die den Konsum von hochprozentigen Getränken hin zu Produkten mit geringerem Alkoholgehalt verschoben, mit Verbesserungen verschiedener Indikatoren der öffentlichen Gesundheit verbunden.
Kissinger erklärte dazu: „Eine umfassende Studie von WHO Europa über die Auswirkungen der Alkoholpolitik in Russland ergab, dass Maßnahmen, die den Konsum von hochprozentigen alkoholischen Getränken hin zu Getränken mit niedrigerem Alkoholgehalt verlagerten, mit einer Verbesserung mehrerer Indikatoren der öffentlichen Gesundheit verbunden waren.“
Daraus leitet die World Brewing Alliance eine politische Forderung ab. Vorschriften für alkoholische Getränke sollten nach Auffassung des Verbandes stärker nach Getränkeart und Alkoholgehalt differenziert werden. Kissinger sagte: „Wir fordern politische Entscheidungsträger auf der ganzen Welt dazu auf, Alkohol nach Getränkeart und Alkoholstärke zu regulieren. Dies würde die Herstellung und den Konsum von Produkten mit niedrigerem Alkoholgehalt wie Bier fördern.“
Auch über LinkedIn verbreitete die WBA ihre Position. Dort erklärte der Verband: „Hochprozentige alkoholische Getränke durch Optionen mit weniger oder ganz ohne Alkohol zu ersetzen, ist ein seit Langem bewährter und wissenschaftlich belegter Weg, die öffentliche Gesundheit zu verbessern.“
Bei Diageo stößt diese Argumentation auf deutlichen Widerspruch. Dan Mobley, Corporate Relations Director und Mitglied des Executive Committee des Konzerns, griff die Aussagen öffentlich an.
„Es ist enttäuschend, aber nicht überraschend, einen Bierlobbyisten dabei zu sehen, wie er solch unwissenschaftlichen Unsinn verbreitet“, schrieb Mobley auf LinkedIn. „Alkohol ist Alkohol und sollte gleich reguliert werden, unabhängig davon, ob es sich um Bier, Wein oder einen Cocktail handelt, um Verbraucher zu schützen.“
Damit wendet sich der Diageo-Manager gegen eine Regulierung, die zwischen Bier, Wein und Spirituosen unterscheidet. Für ihn steht vielmehr der enthaltene Alkohol selbst im Mittelpunkt, unabhängig davon, in welcher Getränkeart er konsumiert wird.
Als Beispiel führte Mobley unterschiedliche Altersgrenzen in europäischen Ländern an. In Deutschland und Belgien können 16- und 17-Jährige Bier erwerben, während für Spirituosen strengere Altersvorgaben gelten. Auch Dänemark erlaubt Jugendlichen dieser Altersgruppe den Kauf bestimmter alkoholischer Getränke mit vergleichsweise niedrigem Alkoholgehalt. Mobley sieht gerade darin eine Folge einer Regulierung nach Getränkeart beziehungsweise Alkoholstärke.
Er fordert deshalb ein europaweit einheitliches Mindestalter von 18 Jahren für sämtliche alkoholischen Getränke. Mobley erklärte: „Sie sollten sich verantwortungsbewussten Bierherstellern wie Diageo anschließen und fordern, das gesetzliche Mindestalter für Kauf und Konsum in ganz Europa für alle Arten von Alkohol, einschließlich Bier, auf 18 Jahre anzugleichen, um Schäden zu verhindern und den Alkoholkonsum Minderjähriger weiter zu senken.“
Bemerkenswert ist die Auseinandersetzung auch deshalb, weil Diageo selbst ein bedeutender Bierhersteller ist. Zum Konzern gehört unter anderem Guinness. Mitglied der World Brewing Alliance ist Diageo allerdings nicht. Zu den großen internationalen Brauereikonzernen innerhalb des Verbandes zählen dagegen unter anderem AB InBev, Carlsberg, Heineken und Molson Coors.
Hinter dem öffentlich ausgetragenen Streit steht damit eine grundsätzliche Frage der Alkoholpolitik: Soll sich Regulierung vor allem an der tatsächlich aufgenommenen Alkoholmenge orientieren und Getränke mit niedrigerem Alkoholgehalt begünstigen? Oder sollten für Bier, Wein und Spirituosen unabhängig von ihrer jeweiligen Stärke weitgehend identische Regeln gelten?
Gerade mit dem wachsenden Angebot alkoholfreier und alkoholreduzierter Biere dürfte diese Diskussion für die Brauwirtschaft weiter an Bedeutung gewinnen.