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Vom American Pale Ale zum Czech Lager: Die erstaunlich wechselhaften Lieblinge der Craft-Bier-Szene – Bierzirkus

Vom American Pale Ale zum Czech Lager: Die erstaunlich wechselhaften Lieblinge der Craft-Bier-Szene

American Pale Ale, Double IPA, Sour, Hazy IPA oder Czech Lager: VinePair zeigt, welche Craft-Bierstile wann besonders angesagt waren.

Was heute als angesagter Craft-Bier-Stil gilt, kann morgen schon wieder erstaunlich gestrig wirken. Die amerikanischen Kollegen von VinePair haben sich deshalb angesehen, welche Bierstile in den vergangenen Jahrzehnten besonders beliebt waren – und wie lange ihr jeweiliger Ruhm anhielt.

Wer dabei eine logisch aufgebaute Entwicklung vom einfachen Bier zum immer komplizierteren Gebräu erwartet, wird allerdings enttäuscht. Einen wirklich erkennbaren Plan scheint es nicht gegeben zu haben. Mal wurde es bitterer und stärker, dann plötzlich sauer, süß oder fruchtig. Und irgendwann stellte man fest, dass Bier, das einfach nach Bier schmeckt, offenbar auch wieder ziemlich interessant sein kann.

VinePair beginnt seine Zeitreise in den Jahren 1995 bis 2000 mit gleich mehreren Kandidaten. Das American Pale Ale gilt dabei gewissermaßen als „Mutterteig“ der amerikanischen Craft-Bier-Bewegung. Das Vorbild war unter anderem das Sierra Nevada Pale Ale, das bereits 1980 erstmals gebraut wurde. Mit seinem höheren Hopfenanteil und fruchtigeren Charakter musste sich der Stil zunächst beim amerikanischen Publikum durchsetzen. Danach entwickelte sich daraus eine regelrechte Begeisterung für einzelne Bierstile. Auch Dale’s Pale Ale von Oskar Blues und die Biere von Samuel Adams profitierten von der zunehmenden Aufmerksamkeit für Craft Beer.

Parallel dazu entdeckten amerikanische Biertrinker das Hefeweizen. Neu war der Stil natürlich keineswegs – in Bayern wird er seit Jahrhunderten gebraut. Für viele Amerikaner war das leicht trübe, fruchtige und vergleichsweise unkomplizierte Weizenbier allerdings eine neue Erfahrung. Brauereien wie Widmer Brothers und Pyramid machten den Stil populär. Nach Einschätzung von VinePair hielt sich die Begeisterung erstaunlich lange und erreichte nahezu zwei Jahrzehnte.

Auch das Brown Ale durfte Ende der 1990er-Jahre kurzzeitig den Status eines Craft-Bier-Lieblings genießen. Dabei war es nicht allein die amerikanische Craft-Bierszene, die den traditionellen britischen Stil nach oben brachte. Pete’s Wicked Ale spielte ebenso eine Rolle wie Newcastle, das als britischer Import in den USA erfolgreich war, während seine Popularität in Großbritannien bereits nachließ. Doch die Begeisterung hielt nicht ewig. Sobald die Biertrinker weitere Stile entdeckt hatten, verlor das Brown Ale wieder an Strahlkraft.

Länger hielt sich das Amber Ale. Von 1995 bis 2005 bildete es laut VinePair eine Art Brücke zwischen den klassischen Mainstream-Bieren und der damals immer experimentierfreudigeren Craft-Bier-Szene. Dunkler als ein Lager, aber heller und zugänglicher als ein Stout, war es ein guter Einstieg für Biertrinker, die sich langsam in die Welt der Craft-Biere vorarbeiten wollten. Irgendwann war aber auch diese Zwischenstation nicht mehr aufregend genug.

Noch wichtiger für die weitere Entwicklung wurde in dieser Zeit das West Coast IPA. Zwischen 1995 und 2005 sorgte der Stil dafür, dass sich die Vorstellung davon, wie ein IPA schmecken darf, deutlich veränderte. Citrus- und Piniennoten, deutliche Bitterkeit und ein insgesamt ziemlich selbstbewusster Auftritt machten das West Coast IPA zum Gegenentwurf zu vielem, was damals auf dem Markt zu finden war. Brauereien wie Lagunitas und Stone Brewing prägten die Entwicklung. Andere IPA-Spielarten sollten später die Aufmerksamkeit auf sich ziehen – dennoch ist das West Coast IPA für viele bis heute so etwas wie die Standardvorstellung eines IPA.

Dann wurde es extrem.

Von 2000 bis 2015 gehörten Double IPAs und andere „Extreme Beers“ zu den Lieblingen der Craft-Bier-Szene. VinePair beschreibt die Entwicklung durchaus augenzwinkernd als eine Art Wettbewerb darum, wer bei Bitterkeit und Alkoholgehalt noch einen drauflegen konnte. Die Folge waren Biere mit enormer Hopfenintensität und teilweise Alkoholgehalten, die eher an Wein als an klassisches Bier erinnerten.

Warum die Menschen diese Biere kauften? Wegen des Geschmacks – oder vielleicht auch einfach, weil sie möglichst extrem waren. VinePair lässt diese Frage bewusst offen.

Ab 2005 bekam die Craft-Bier-Szene dann eine belgische Note. American Belgian-Style Ales und Farmhouse Ales wurden populär. Brauereien wie Allagash und Ommegang kombinierten belgische Hefestämme mit amerikanischen Zutaten und machten daraus eine eigene Spielart. Daraus entwickelten sich unter anderem zunehmend säuerliche und erdige Farmhouse Ales. Der große Hype ist inzwischen vorbei, ganz verschwunden sind die Biere aber nicht.

Zwischen 2010 und 2015 durfte es dann wieder dunkel und kräftig werden: Das Imperial Stout kam. Nachdem Stout durch seine zunehmende Verbreitung – Guinness sei Dank – längst seinen Schrecken verloren hatte, wurde die Intensität einfach wieder hochgedreht. Statt vor allem über zusätzliche Bitterkeit zu punkten, wie es beim Double IPA der Fall war, lockten Imperial Stouts mit kräftigen Aromen von Schokolade, Kaffee und anderen süßlichen Genussnoten.

Und weil ein IPA offenbar nicht einfach nur ein IPA bleiben durfte, entstanden ab etwa 2010 immer neue Unterarten. Black IPA, Session IPA, Cold IPA und Brut IPA sind nur einige Beispiele aus dieser Zeit. Manche dieser Spielarten verschwanden wieder beinahe so schnell, wie sie aufgetaucht waren. Besonders das Milkshake IPA dürfte heute bei manchem Biertrinker für ein leichtes Stirnrunzeln sorgen.

Ab 2015 wurde es dann luxuriös. Barrel-Aged Beers eroberten die Craft-Bier-Szene. Biere wurden für Monate oder sogar Jahre in Wein- und Spirituosenfässer gelegt und damit vom bodenständigen Getränk zum flüssigen Prestigeobjekt. Das Ergebnis hatte seinen Preis – nicht nur im übertragenen Sinne. Trotzdem begeisterten sich die Bierfans für die Kombination aus Handwerk, besonderen Aromen und dem gewissen Hauch von Exklusivität. VinePair zufolge hält dieser Status bis heute an.

Ebenfalls ab 2015 begann der Aufstieg der Hazy IPAs. Die trüben, saftigen und vergleichsweise bitterarmen Biere waren zunächst vor allem als New England IPA an der amerikanischen Ostküste verbreitet. Dann verbreitete sich der Stil über die gesamten USA. Dabei halfen nicht zuletzt die auffällige Optik und die tropischen Aromen. Das Hazy IPA wurde damit zum Gegenentwurf zum klassischen West Coast IPA.

Etwa zur gleichen Zeit kamen die Sours groß heraus. Von 2015 bis 2020 standen saure, funky und häufig ausgesprochen fruchtige Biere im Mittelpunkt. Lambic, Gose und Berliner Weisse rückten stärker in den Fokus, gleichzeitig entstanden neue Varianten wie die beinahe smoothieartigen Slushy Beers. Der große Hype ist inzwischen vorbei, doch Sours bleiben ein Bierstil, bei dem die Meinungen offenbar besonders weit auseinandergehen. Liebe oder Ablehnung – viel Platz für Unentschlossenheit scheint es hier nicht zu geben.

Passend dazu gab es von 2015 bis 2020 auch noch die Pastry Stouts. Süße Zutaten wie Kakao, Vanille oder Kokos verwandelten die dunklen Biere in flüssige Backstuben. Schokolade, Kekse, German Chocolate Cake oder Lebkuchen wurden zu Inspirationen für Biere, die eher an Desserts als an klassische Stouts erinnerten. Nachdem der Begriff „Pastry Stout“ 2017 etabliert war, bekam die Kategorie laut VinePair endgültig ihren „It“-Status.

Und dann kam der große Schritt zurück.

Seit 2020 gehören Italian Pilsner zu den angesagten Craft-Bieren. Eigentlich ist daran zunächst einmal wenig spektakulär. Das Bier ist trocken, knackig und vergleichsweise zurückhaltend bitter. Europäische Hopfensorten werden trocken gehopft und sorgen für dezente Kräuternoten. Firestone Walker gehörte mit seinem Pivo Pils zu den bekannten Vertretern; das Bier kam bereits 2012 auf den Markt, der größere Trend setzte allerdings erst später ein.

Noch einfacher wurde es mit dem Mexican Lager. Ebenfalls seit 2020 erfreuen sich die leichten, erfrischenden Biere großer Beliebtheit. Wenig Alkohol, eine knackige Art und die Verwendung von Mais machen sie zu ausgesprochen unkomplizierten Durstlöschern. VinePair sieht darin möglicherweise sogar eine Art Gegenreaktion auf die immer komplizierter werdende Craft-Bier-Welt der vorherigen Jahre.

Und seit 2025 steht nun das Czech Lager im Rampenlicht.

Damit wäre die Craft-Bier-Szene tatsächlich wieder dort angekommen, wo sie einst angefangen hat: bei einem Bier, das nicht unbedingt durch möglichst viele Zutaten, möglichst hohe Alkoholwerte oder möglichst ungewöhnliche Aromen auffallen muss. Tschechische Lagerbiere beruhen auf traditionellen Brauverfahren und setzen weder auf extreme Bitterkeit noch auf Früchte, Schokolade oder jahrelange Fasslagerung. Ein Lukr-Zapfhahn darf dabei immerhin noch für etwas optisches Spektakel sorgen.

Das Bemerkenswerte an dieser Entwicklung ist weniger, welcher Bierstil gerade angesagt ist, sondern wie wenig vorhersehbar der Wechsel offenbar ist. Zwischen American Pale Ale und Czech Lager liegen gerade einmal rund 30 Jahre – und dazwischen finden sich Double IPAs, belgische Ales, Imperial Stouts, Black IPAs, Hazy IPAs, Sours, Pastry Stouts, Barrel-Aged Beers, Italian Pilsner und Mexican Lager.

Ein klarer Fahrplan ist dabei kaum zu erkennen. Die Craft-Bier-Szene scheint vielmehr einem Prinzip zu folgen, das vielleicht viel besser zu Bier passt als jede Trendanalyse: Es darf ruhig immer wieder etwas Neues sein.

Und wenn irgendwann niemand mehr weiß, was als Nächstes kommt, gibt es immerhin noch ein bewährtes Mittel: Man kann ein Bier brauen, das einfach gut schmeckt.

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