Das Oktoberfest ist einmalig. Das hört man in München nicht nur von den Festwirten, den Brauereien und den Verantwortlichen der Stadt, sondern auch von Millionen Besuchern aus aller Welt. Die Wiesn ist schließlich das größte Volksfest der Welt, ein Stück bayerische Lebensart und eine Institution, die sich nicht mit irgendeinem anderen Volksfest vergleichen lässt. Zumindest dann nicht, wenn es um die Besonderheiten und die Bedeutung des Oktoberfests geht.
Geht es allerdings um die Frage, welche Brauereien dort ihr Bier ausschenken dürfen, scheint die Einmaligkeit plötzlich nicht mehr ganz so wichtig zu sein. Dann müssen sich neue Bewerber erst einmal auf anderen, möglichst vergleichbaren Volksfesten bewähren. Ein Widerspruch, der geradezu danach schreit, einmal etwas genauer betrachtet zu werden.
Ein Blick zurück ins Jahr 2015. Damals wurde Michael Möller, seinerzeit Chef der Hofbräu-Brauerei, von der Welt zu der Idee befragt, auch handwerklich gebraute Biere auf dem Oktoberfest auszuschenken. Seine Antwort war bemerkenswert deutlich: „Bei diesen Bieren geht es um Genuss und nicht um Menge. Das hat auf der Wiesn nichts verloren.“
Damit war die Sache aus seiner Sicht offenbar erledigt. Craft-Biere mögen geschmacklich interessant sein, aber auf dem Oktoberfest zählt schließlich die Maß. Und davon bitte möglichst viele. Dass es auch Menschen geben könnte, die auf einem Volksfest gerne einmal unterschiedliche Biere probieren würden, schien in dieser Betrachtung keine große Rolle zu spielen. Die Wiesn ist eben kein Ort für Experimente. Zumindest nicht, wenn es um das Bier geht.
Seitdem sind einige Jahre vergangen. Die Craft-Beer-Bewegung hat sich weiterentwickelt, neue Brauereien sind entstanden und die Bierlandschaft in München ist vielfältiger geworden. Nur auf dem Oktoberfest ist die Auswahl bemerkenswert übersichtlich geblieben. Seit 1952 teilen sich sechs Brauereien den Ausschank: Augustiner, Hacker-Pschorr, Hofbräu, Löwenbräu, Paulaner und Spaten. Eine überschaubare Runde, die sich über Jahrzehnte bewährt hat – oder zumindest bewähren durfte.
Denn wer neu hinzukommen möchte, muss erst einmal beweisen, dass er überhaupt dazugehört. Die aktuellen Diskussionen um die Zulassung weiterer Münchner Brauereien zeigen, wie kompliziert das werden kann. Die Kriterien „leistungsfähig“ und „bewährt“ sollen künftig genauer definiert werden. Das klingt zunächst vernünftig. Schließlich muss eine Brauerei in der Lage sein, die gewaltigen Mengen Bier zuverlässig zu liefern und die logistischen Herausforderungen eines solchen Festes zu meistern.
Doch bei der Frage, wie diese Bewährtheit nachgewiesen werden soll, wird es interessant. Andreas Maisberger, Geschäftsführer des Vereins Münchner Brauereien, erklärte in einem Interview mit „Hallo München“, dass eine Brauerei dafür möglicherweise zwei oder drei vergleichbare Großveranstaltungen erfolgreich beliefern müsse. Wer also auf die Wiesn möchte, sollte vorher schon einmal bewiesen haben, dass er eine Veranstaltung in einer ähnlichen Größenordnung bewältigen kann.
Nur: Wo findet man eigentlich ein Volksfest, das mit dem Oktoberfest vergleichbar ist? Die Wiesn ist doch einmalig auf der Welt! Wenn es eine solche Veranstaltung nicht gibt, wird es mit dem Nachweis der Bewährtheit naturgemäß schwierig. Vielleicht muss man sich erst einmal auf einem kleineren Fest beweisen. Und wenn das gut läuft, darf man sich an ein etwas größeres wagen. Nach einigen Jahren und ausreichend gesammelten Erfahrungen könnte dann vielleicht irgendwann die Wiesn in Reichweite kommen. Ein bisschen wie beim Führerschein: Erst einmal üben, bevor man auf die ganz große Straße darf.
Natürlich ist es richtig, dass eine Brauerei nicht einfach ein paar Tankwagen Bier auf die Theresienwiese schicken und hoffen kann, dass schon alles gutgeht. Die Versorgung der Festzelte ist eine gewaltige logistische Aufgabe. Auch wirtschaftlich muss ein Unternehmen einiges stemmen können. Das bestreitet vermutlich niemand, der ernsthaft auf das Oktoberfest möchte.
Aber muss man dafür wirklich erst auf mehreren anderen Großveranstaltungen eine Art Bewährungsprobe absolvieren? Und wer entscheidet eigentlich, welche Veranstaltung vergleichbar ist? Reicht ein großes Volksfest in der Region, oder muss es schon eine Veranstaltung mit Millionen Besuchern sein? Vielleicht wäre es auch hilfreich, wenn die etablierten Brauereien einmal erklären würden, auf welchen Festen sie ihre eigene Bewährungsprobe abgelegt haben, bevor sie auf der Wiesn ausschenken durften.
Besonders pikant wird die Angelegenheit, wenn man sich die Entwicklung der Münchner Brauereilandschaft anschaut. Giesinger Bräu hat sich in den vergangenen Jahren zu einer beachtlichen Brauerei entwickelt. Das Unternehmen braut Münchner Bier, verfügt über eigene Kapazitäten und bemüht sich seit Langem um einen Platz auf dem Oktoberfest. Auch die Brauerei Münchner Kindl könnte Interesse an einer Teilnahme haben. Es geht also keineswegs nur um irgendeinen auswärtigen Hobbybrauer, der seine fünf Kisten Selbstgebrautes in einem Festzelt verkaufen möchte.
Immerhin scheint sich inzwischen auch in der Münchner Politik etwas zu bewegen. Die Stadt soll transparente und rechtssichere Kriterien für die Zulassung weiterer Brauereien entwickeln. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Ob daraus tatsächlich eine Öffnung entsteht oder am Ende lediglich ein neues Regelwerk, das den bisherigen Zustand weitgehend festschreibt, wird sich zeigen.
Vielleicht sollte man in München bei all der Diskussion einmal darüber nachdenken, was Tradition eigentlich bedeutet. Tradition kann etwas Wunderbares sein. Sie bewahrt Werte, schafft Identität und macht eine Veranstaltung unverwechselbar. Aber Tradition sollte nicht mit einem ewigen Besitzanspruch verwechselt werden. Dass sechs Brauereien seit Jahrzehnten das Bier auf dem Oktoberfest ausschenken, ist eine historische Entwicklung. Daraus folgt nicht automatisch, dass es für alle Zeiten genau sechs bleiben müssen.
Und vielleicht ist es ja gerade ein Zeichen für die Einmaligkeit des Oktoberfests, wenn es auch neuen Münchner Brauereien eine Chance geben kann. Schließlich sollte ein Volksfest, das sich als lebendiges Stück bayerischer Kultur versteht, nicht den Eindruck vermitteln, dass seine Tradition nur dann funktioniert, wenn möglichst alles beim Alten bleibt.
Bis dahin bleibt die Wiesn ein bemerkenswert exklusiver Ort. Einmalig auf der Welt – und für neue Brauereien offenbar erst einmal nur nach bestandener Bewährungsprobe zu betreten. Man könnte fast meinen, das Oktoberfest sei kein Volksfest, sondern ein besonders traditionsbewusster Bierclub mit sehr strengen Aufnahmeregeln.