Aktienbrauerei Kaufbeuren wird saniert: Braubetrieb bleibt, mehr als die Hälfte der Stellen fällt weg
Die insolvente Aktienbrauerei Kaufbeuren hat eine Perspektive für die Fortführung ihres Braubetriebs. Mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens über die ABK Betriebsgesellschaft mbH in Eigenverwaltung am 28. August 2026 steht auch das Sanierungskonzept für das Unternehmen. Die Bierproduktion in Kaufbeuren soll erhalten bleiben. Für einen erheblichen Teil der Belegschaft bedeutet die Neuaufstellung allerdings den Verlust des Arbeitsplatzes.
Von den ursprünglich rund 84 Beschäftigten sollen künftig noch 38 am Standort tätig sein. Damit fallen mehr als die Hälfte der bisherigen Stellen weg. Den betroffenen Mitarbeitern wird nach Angaben des Unternehmens der Wechsel in eine Transfergesellschaft angeboten.
Die Zustimmung zum Sanierungskonzept kam vom bisherigen Mehrheitsgesellschafter ROKiT. Dieser hat nach Angaben der Aktienbrauerei zugleich die finanziellen Mittel zugesagt, die für die Umsetzung der Restrukturierung benötigt werden.
Ohne diese Finanzierung wäre die Alternative offenbar die Stilllegung gewesen.
Produktion soll im bisherigen Umfang weiterlaufen
Bemerkenswert an dem Sanierungskonzept ist, dass der Personalabbau nicht mit einer entsprechenden Verkleinerung der Bierproduktion einhergehen soll. Die Brauerei plant vielmehr, ihre Produktion im bisherigen Umfang fortzuführen.
Dafür wird die Organisation des Unternehmens deutlich verschlankt. Tätigkeiten außerhalb der eigentlichen Bierherstellung sollen teilweise auf bestehende Geschäfts- und Handelspartner verlagert werden. Das betrifft insbesondere die Belieferung von Gastronomie, Veranstaltungen und Handel.
Damit konzentriert sich die Aktienbrauerei künftig stärker auf ihr eigentliches Kerngeschäft: das Brauen und Abfüllen von Bier in Kaufbeuren. Vertrieb und Logistik werden zumindest teilweise von Partnerunternehmen übernommen.
Sanierungsgeschäftsführer Volker P. Zimmerer bezeichnet die nun gefundene Lösung als Voraussetzung für die Fortführung des Unternehmens. Ohne die von ROKiT bereitgestellten Mittel hätte der Betrieb nach seinen Angaben stillgelegt werden müssen.
Mehr als jeder zweite Arbeitsplatz verschwindet
Für die Beschäftigten hat die Rettung der Brauerei einen hohen Preis. Die Zahl der Mitarbeiter wird von rund 84 auf 38 reduziert. Rechnerisch bleiben damit weniger als 46 Prozent der bisherigen Arbeitsplätze erhalten.
Der Stellenabbau ist ein zentraler Bestandteil des Sanierungskonzepts. Beschäftigte, deren Arbeitsplätze wegfallen, sollen die Möglichkeit erhalten, in eine Transfergesellschaft zu wechseln. Diese soll den Übergang in neue Beschäftigungsverhältnisse erleichtern und die Betroffenen bei der beruflichen Neuorientierung unterstützen.
Die drastische Verkleinerung der Belegschaft zeigt zugleich, unter welchem wirtschaftlichen Druck das Unternehmen steht. Obwohl die eigentliche Bierproduktion nicht entsprechend reduziert werden soll, muss die Kostenstruktur grundlegend verändert werden.
Insolvenzverfahren seit Ende Mai
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten waren Ende Mai öffentlich geworden. Am 28. Mai 2026 stellte die ABK Betriebsgesellschaft beim Amtsgericht Kempten einen Antrag auf ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Anders als bei einem klassischen Insolvenzverfahren bleibt die Geschäftsführung bei einer Eigenverwaltung grundsätzlich im Amt. Sie führt das Unternehmen unter Aufsicht eines vom Gericht bestellten Sachwalters weiter und arbeitet an der Sanierung.
Die Aktienbrauerei betonte bereits zu Beginn des Verfahrens, dass der Braubetrieb weiterlaufen sollte. Löhne und Gehälter der Beschäftigten waren zunächst über das Insolvenzgeld abgesichert.
Mit der Eröffnung des Verfahrens Ende August beginnt nun die eigentliche Umsetzung der Restrukturierung.
Eine Brautradition mit Wurzeln im Mittelalter
Mit dem Erhalt der Produktion bleibt zugleich ein ungewöhnlich traditionsreicher Braustandort bestehen. Die Geschichte der Aktienbrauerei Kaufbeuren lässt sich nach Angaben des Unternehmens bis in das Jahr 1308 zurückverfolgen.
Damals wird erstmals ein Brauhaus in Kaufbeuren urkundlich erwähnt. Über Jahrhunderte entwickelte sich in der Stadt eine vielfältige Brauereilandschaft. Wie vielerorts in Deutschland verringerte sich die Zahl der Betriebe später durch Zusammenschlüsse und Übernahmen.
Die unmittelbaren Wurzeln der heutigen Aktienbrauerei liegen im 19. Jahrhundert. 1807 erwarb die Familie Walch das sogenannte Tänzelbräu. Daraus entstand später die Aktienbrauerei zum Tänzelbräu. 1920 erfolgte die Fusion mit der Löwen-Brauerei E. Wiedemann zur Aktienbrauerei Kaufbeuren.
In den folgenden Jahrzehnten übernahm das Unternehmen weitere lokale Brauereien und Marken. Dadurch wurde die Aktienbrauerei schließlich zur letzten verbliebenen Vertreterin der jahrhundertealten Kaufbeurer Brautradition.
Wechselvolle jüngere Geschichte
Auch die vergangenen Jahrzehnte verliefen für die Brauerei alles andere als ruhig. 1997 übernahm die Allgäuer Getränke Beteiligungs GmbH & Co. KG die Aktienmehrheit. Später wechselten die Eigentümer erneut.
2013 meldete die damalige Aktienbrauerei Kaufbeuren AG Insolvenz an. Im Zuge der anschließenden Neuordnung wurden der Braubetrieb und die Immobilien voneinander getrennt.
2018 stieg schließlich die britische ROK Stars PLC des Unternehmers Jonathan Kendrick ein. Später wurde ROKiT zum Mehrheitsgesellschafter. Die traditionsreiche Marke wurde international unter der Bezeichnung ABK Beer vermarktet.
Die jetzige Insolvenz zeigt allerdings, dass auch diese Neuaufstellung keine dauerhafte wirtschaftliche Stabilität gewährleisten konnte.
Schwieriges Umfeld für deutsche Brauereien
Die Probleme in Kaufbeuren sind kein Einzelfall. Die deutsche Brauwirtschaft steht seit Jahren unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Sinkender Bierkonsum trifft auf gestiegene Kosten für Energie, Rohstoffe, Verpackungen, Personal und Logistik.
Gerade kleinere und mittelständische Brauereien können höhere Kosten häufig nur begrenzt über die Verkaufspreise weitergeben. Gleichzeitig verändert sich der Markt: Der Absatz klassischer alkoholhaltiger Biere geht langfristig zurück, während alkoholfreie Varianten an Bedeutung gewinnen.
Die jüngsten Zahlen zum deutschen Biermarkt unterstreichen die schwierige Situation. Von Januar bis Juli 2026 lag der steuerpflichtige Inlandsabsatz 2,9 Prozent unter dem entsprechenden Vorjahreszeitraum. Allein in den ersten sieben Monaten fehlten der Branche damit auf dem heimischen Markt mehr als eine Million Hektoliter gegenüber dem Vorjahr.
Vor diesem Hintergrund mussten in den vergangenen Jahren zahlreiche Brauereien ihre Strukturen anpassen, Standorte schließen oder Insolvenz anmelden.
Neustart mit deutlich kleinerer Mannschaft
Für die Aktienbrauerei Kaufbeuren bedeutet die jetzige Situation deshalb noch kein Abschluss der Sanierung. Das Unternehmen muss nun beweisen, dass das vorgesehene Modell dauerhaft wirtschaftlich funktioniert. Der Ansatz ist klar: Die Bierproduktion bleibt in Kaufbeuren, während die Organisation erheblich verkleinert und Aufgaben außerhalb des Kerngeschäfts teilweise an Partner übertragen werden. Mit nur noch 38 Beschäftigten soll annähernd die bisherige Produktionsmenge bewältigt werden.
Damit ist zumindest die unmittelbar drohende Stilllegung des traditionsreichen Braustandorts abgewendet. Für mehr als die Hälfte der bisherigen Belegschaft bedeutet die Rettung der Brauerei allerdings den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Ob die drastische Verschlankung ausreicht, um die Aktienbrauerei nach ihrer zweiten Insolvenz innerhalb von 13 Jahren dauerhaft wirtschaftlich aufzustellen, wird sich erst in den kommenden Monaten und Jahren zeigen.