Manche Dinge gehören in Köln einfach zusammen: der Dom, der Karneval, ein frisch gezapftes Kölsch – und offenbar auch ein ordentlicher Streit, wenn es um die eigene Brauerei geht. Bei Gaffel soll nun nach fast zwei Jahrzehnten Schluss sein mit dem Gesellschafterkonflikt, der die Familie Becker immer wieder vor Gericht geführt hat. Johannes Becker verkauft seine Anteile zum 31. Oktober 2026. Die Familie seines Bruders Heinrich übernimmt sie vollständig. Heinrich Philipp Becker bleibt geschäftsführender Gesellschafter. Soweit die nüchternen Fakten.
Ein Familienunternehmen ist schließlich kein Stammtisch, an dem man sich nach zwei Kölsch wieder verträgt. Hier geht es um Anteile, Einfluss und die Frage, wer bestimmt, wo die Reise hingeht. Bei Gaffel führte das zu einem Streit, der ab 2006 eskalierte und über Jahre die Gerichte beschäftigte. Ein Auslöser war offenbar die Frage, wie sich die Familie an einem Kölner Getränkevertrieb beteiligen sollte. Johannes Becker wollte den eigenen Anteil ausbauen, sein Bruder Heinrich verfolgte andere Pläne. Aus der unternehmerischen Meinungsverschiedenheit wurde ein Machtkampf, in dem sich die Brüder gegenseitig als Geschäftsführer loswerden wollten.
2013 zog das Oberlandesgericht Köln gewissermaßen den Stecker. Beide Brüder verloren ihre Geschäftsführungsbefugnis, während die Brauerei weiter bestehen blieb. Die operative Leitung lag fortan bei Heinrich Philipp Becker. Das Gericht sah damals ein tiefgreifendes Zerwürfnis, konnte aber keine gravierenden Schäden für den Geschäftsbetrieb feststellen. Gaffel braute also weiter Kölsch, während sich die Gesellschafter darüber stritten, wer im Unternehmen das Sagen haben sollte.
Man muss diese Leistung erst einmal würdigen: Ein Unternehmen kann offenbar auch dann Bier produzieren, wenn sich seine Eigentümer nicht mehr gemeinsam an einen Tisch setzen möchten. Die Hefe arbeitet, der Sudkessel wartet nicht auf eine Familienmediation, und am Ende läuft das Kölsch ins Glas. Vielleicht ist das die eigentliche Stärke einer Brauerei: Selbst wenn es hinter den Kulissen gärt, muss das Produkt nicht gleich sauer werden.
Nun also der Schlussstrich. Johannes Becker verkauft seine Anteile, die Familie Heinrich Beckers übernimmt vollständig. Wie viel Geld dabei den Besitzer wechselt, bleibt geheim. Medienberichten zufolge könnte es um einen hohen einstelligen Millionenbetrag gehen; bestätigt ist diese Summe nicht. Die Beteiligten haben Vertraulichkeit vereinbart.
Und damit sind wir bei der vielleicht interessantesten Frage: Ist das nun eine Versöhnung? Die Pressemitteilung der Brauerei spricht von einer Einigung der Gesellschafter und einer kontinuierlichen, zukunftsorientierten Fortführung des Unternehmens. Das klingt vernünftig und ist für Gaffel sicherlich eine gute Nachricht. Von einer persönlichen Aussöhnung der Brüder ist damit allerdings noch nichts gesagt. Ein unterschriebener Vertrag ist schließlich kein gemeinsamer Abend am Kölschglas – und schon gar kein Beweis dafür, dass alte Wunden verheilt sind.
Vielleicht ist es deshalb besser, nicht von Familienfrieden zu sprechen. Es ist zunächst einmal eine wirtschaftliche Trennung, die den langjährigen Konflikt um die Eigentümerstruktur beendet. Das kann für ein Unternehmen viel wert sein. Ob es auch für die Familie ein versöhnlicher Moment ist, wissen nur die Beteiligten selbst.
Für Gaffel dürfte sich im Alltag zunächst wenig ändern. Heinrich Philipp Becker bleibt an der Spitze, und die Brauerei kann sich wieder stärker auf das konzentrieren, was sie am besten kann: Bier brauen und verkaufen. Vielleicht lässt sich die Geschichte sogar als kleine Lehre für andere Familienunternehmen lesen. Wer gemeinsam ein Unternehmen führt, braucht nicht unbedingt dieselbe Meinung. Aber irgendwann sollte man sich darüber verständigen können, wer entscheidet – notfalls auch dadurch, dass einer geht.
Und falls die Beteiligten den Abschluss doch noch mit einem Kölsch begießen sollten, wäre das natürlich eine schöne Pointe. Ob es ein gemeinsames Glas wird oder jeder lieber sein eigenes trinkt, ist nicht überliefert. Wir wollen ja nicht gleich wieder Gerüchte in Umlauf bringen.
So bleibt am Ende ein Schlussstrich unter einem bemerkenswert langen Kapitel Kölner Brauereigeschichte. Der Streit ist gesellschaftsrechtlich beigelegt, die Anteile wechseln den Besitzer und Gaffel bleibt in der Familie. Ob damit auch zwischen den Brüdern alles gesagt ist, steht auf einem anderen Blatt.
In Köln sagt man bekanntlich: Et kütt wie et kütt. Bei Gaffel kommt jetzt erst einmal ein neuer Abschnitt. Und der darf gern weniger Streit und mehr gutes Kölsch enthalten.