Craftwerk ist Geschichte: Bitburger verabschiedet sich von seiner Craftbiermarke
2013 schien die deutsche Bierwelt plötzlich größer zu werden. Pale Ale, IPA und Tripel tauchten nicht mehr nur in spezialisierten Bierbars und den Sortimenten kleiner Brauereien auf. Auch die großen deutschen Brauereigruppen begannen sich für jene Biere zu interessieren, die unter dem damals allgegenwärtigen Begriff „Craft Beer“ zusammengefasst wurden.
Bitburger gehörte zu den Unternehmen, die vergleichsweise früh darauf reagierten. Ausgerechnet aus der Versuchsbrauerei des traditionsreichen Pils-Spezialisten entstand 2013 Craftwerk Brewing. Die Marke sollte zeigen, dass in Bitburg mehr gebraut werden konnte als jenes Pils, das Generationen von Fernsehzuschauern mit den Worten „Bitte ein Bit“ kennengelernt hatten.
Nun ist Craftwerk Geschichte. Wie die Getränke Zeitung am 3. September berichtet, hat die Bitburger Braugruppe die Marke bereits vor einigen Monaten eingestellt. Neue Craftwerk-Biere werden nicht mehr produziert. Lediglich Restbestände können noch im Handel auftauchen.
Damit endet nach rund 13 Jahren ein interessantes Kapitel deutscher Craftbiergeschichte.
Von der Versuchsbrauerei zur Craftbiermarke
Die eigentlichen Wurzeln von Craftwerk reichen sogar weiter zurück. Bereits 1990 nahm Bitburger eine Versuchsbrauerei in Betrieb. Die kleine Anlage diente der Erprobung neuer Rohstoffe, Geschmacksvarianten und Produktionsverfahren.
Gebraut wurden dort aber auch Sondersude. Was zunächst vor allem intern ausgeschenkt wurde, bekam 2013 einen eigenen Namen: Craftwerk Brewing.
Das Timing war gut. Craft Beer entwickelte sich damals auch in Deutschland vom Liebhaberthema zu einem viel beachteten Trend. Neue kleine Brauereien entstanden, spezialisierte Biergeschäfte eröffneten und plötzlich diskutierten Menschen über Hopfensorten, die wenige Jahre zuvor außerhalb der Brauereiwelt kaum jemand gekannt hatte.
Bitburger wollte an dieser Entwicklung teilhaben – allerdings nicht einfach mit einem zusätzlichen Bier unter der bekannten Hauptmarke.
Craftwerk bekam eine eigene Identität.
IPA statt „Bitte ein Bit“
Zum Start setzte Craftwerk unter anderem auf Bierstile, die im klassischen deutschen Supermarktregal damals noch alles andere als selbstverständlich waren. Pale Ale, India Pale Ale und belgisches Tripel standen für eine Bierwelt, die sich bewusst vom deutschen Pils-Mainstream abhob.
Später wurde weiter experimentiert. Auch internationale Zusammenarbeit gehörte zum Konzept. Gemeinsam mit der Hopworks Urban Brewery aus Portland entstanden beispielsweise die Collaboration-Brews „Battle of the Paddle“ und „Hop Inferno Double India Pale Ale“.
Bitburger beschrieb Craftwerk selbst als Ausdruck einer besonderen Geisteshaltung und der Leidenschaft, neue Wege zu gehen. Klassische Bierstile sollten neu interpretiert und mit ungewöhnlicheren Hopfen- und Malzkombinationen versehen werden. Für eine große deutsche Pilsbrauerei war das durchaus bemerkenswert.
Craftwerk erlaubte Bitburger gewissermaßen, die Krawatte abzulegen, ohne gleich den ganzen Kleiderschrank auszuräumen.
Am Ende blieben drei Biere
Mit den Jahren wurde das Sortiment allerdings kleiner. Zuletzt bestand Craftwerk im Wesentlichen noch aus drei Bieren: dem Hop Head IPA, dem Holy Cowl Belgian Style Tripel und dem Mad Callista West Coast Pale Ale. Nun werden auch diese nicht mehr produziert.
Sebastian Ellies, seit Juni 2026 Geschäftsführer Vertrieb und Marketing der Bitburger Braugruppe, bestätigte die Entscheidung gegenüber der Getränke Zeitung. Seine Begründung ist mindestens so interessant wie die Einstellung selbst: Craft Beer habe in Deutschland inzwischen nur noch eine geringe Bedeutung.
Bitburger konzentriert seine Aktivitäten in diesem Segment deshalb auf Crew Republic. Die 2011 gegründete Münchner Craftbiermarke gehört seit 2022 vollständig zur Bitburger Braugruppe und ist nach Angaben des Unternehmens die deutlich größere Craftbiermarke im Portfolio. Damit steigt Bitburger aus Craft Beer nicht ganz aus.
Ganz aus dem Craftbiersegment steigt Bitburger damit nicht aus. Die Braugruppe konzentriert sich künftig auf die Marke Crew Republic. Deren eigene Brauerei in Unterschleißheim wurde allerdings bereits im Frühjahr 2024 geschlossen; die Biere werden seither bei Bitburger gebraut. 2026 wurde auch der Sitz der Crew Republic Brewery GmbH von München nach Köln verlegt. Der Schwerpunkt der Marke liegt nach Angaben von Bitburger inzwischen auf Auslandsmärkten wie Frankreich, Italien und den Benelux-Staaten.
Craft Beer verschwindet – 0,0 Prozent wächst
Noch deutlicher wird der Strategiewechsel, wenn man Craftwerk nicht isoliert betrachtet. Denn während Bitburger seine eigene Craftbiermarke beendet, investiert das Unternehmen kräftig in ein anderes Segment: alkoholfreie Getränke. Und dort sprechen die Zahlen eine vollkommen andere Sprache.
Die Bitburger Braugruppe erzielte 2025 einen Umsatz von 753 Millionen Euro. Gegenüber den 798 Millionen Euro des Vorjahres bedeutete das einen Rückgang von 5,7 Prozent. Die Hauptmarke Bitburger verlor beim Umsatz 6,4 Prozent, auch König Pilsener, Köstritzer und Licher mussten Rückgänge hinnehmen.
Eine Produktgruppe entwickelte sich dagegen ausgesprochen dynamisch: Bitburger 0,0%. Die 0,0%-Range steigerte ihren Umsatz um mehr als zwölf Prozent. Nach Unternehmensangaben erreicht Bitburger in diesem Segment einen Umsatzmarktanteil von mehr als 30 Prozent. Besonders kräftig entwickelte sich Bitburger Herb 0,0%, dessen Umsatz um mehr als 36 Prozent zulegte. Auch die 2025 eingeführten Sommereditionen Peach und Pineapple gehörten nach Angaben der Braugruppe zu den erfolgreichsten Neueinführungen des Biermarktes.
Bitburger bezeichnet seine starke Position bei 0,0%-Bieren inzwischen ausdrücklich als einen zentralen Pfeiler der Wachstumsstrategie für 2026.
Das Sortiment wird entsprechend ausgebaut
Die Konsequenzen lassen sich bereits im Getränkeregal beobachten. Im März kündigte Bitburger gleich vier Neuheiten im alkoholfreien Bereich an und strukturierte die 0,0%-Range neu. Neben klassischen Varianten wie Pils, Radler und Herb baut die Brauerei eine stärker lifestyleorientierte Produktgruppe auf.
Dazu gehören 0,0% Grapefruit und das inzwischen dauerhaft angebotene 0,0% Peach. Pineapple kehrte als Sommeredition zurück, ergänzt durch die neue Sorte Passionfruit. Parallel wurden die Fassbrausen überarbeitet.
Das ist strategisch interessant. Bitburger versucht nicht mehr lediglich, alkoholfreie Varianten klassischer Biere anzubieten. Das Unternehmen bewegt sich zunehmend in einen Bereich hinein, in dem die Grenzen zwischen Bier, Biermischgetränk und allgemeinem alkoholfreiem Erfrischungsgetränk verschwimmen.
Die neue Werbestrategie unterstreicht das. Bitburger positioniert seine 0,0%-Produkte ausdrücklich nicht mehr nur als Ersatz für ein alkoholhaltiges Bier. Sie sollen zu Gelegenheiten getrunken werden, bei denen traditionelles Bier bislang kaum eine Rolle spielte: beim Sport, unterwegs, beim Mittagessen oder sogar im Homeoffice.
Von IPA zu Passionfruit 0,0%
Natürlich wäre es zu einfach, Craftwerk und Bitburger 0,0% unmittelbar gegeneinander aufzurechnen. Niemand bei Bitburger behauptet, dass das Geld für das nächste IPA nun direkt in eine Flasche Passionfruit 0,0% wandert. Die Entwicklung zeigt aber ziemlich deutlich, wo ein großer deutscher Brauereikonzern derzeit Wachstumsmöglichkeiten sieht.
2013 erschien Craft Beer attraktiv genug, um dafür eine eigenständige Marke aufzubauen. 2026 erklärt Bitburger, Craft Beer besitze in Deutschland nur noch geringe Bedeutung – und nennt gleichzeitig alkoholfreies Bier als einen seiner wichtigsten Wachstumspfeiler. Dazwischen liegen gerade einmal 13 Jahre.
Ein kleiner Nachruf auf eine große Idee
Ich will Craftwerk nicht nachträglich größer machen, als die Marke tatsächlich war. Craftwerk hat den deutschen Biermarkt weder revolutioniert noch die zahlreichen unabhängigen Craftbrauereien verdrängt. Trotzdem hatte die Marke Symbolkraft.
Als einer der größten deutschen Brauer plötzlich ein IPA, ein Pale Ale und ein belgisches Tripel auf den Markt brachte, war das auch eine Anerkennung dessen, was sich damals außerhalb der traditionellen deutschen Bierwelt entwickelte. Craft Beer war interessant genug geworden, dass selbst ein Unternehmen, dessen Name praktisch synonym mit deutschem Pils stand, mitmachen wollte.
Vielleicht ist gerade deshalb das Ende von Craftwerk bemerkenswerter als die Einstellung dreier einzelner Biere. Es markiert einen Zeitpunkt, an dem Bitburger offenbar zu dem Schluss gekommen ist, dass sich dieses Experiment unter einer eigenen Marke im deutschen Markt nicht mehr lohnt.
Die Versuchsbrauerei bleibt
Ganz verschwinden dürfte der experimentelle Geist deshalb allerdings nicht aus Bitburg.
Die Versuchsbrauerei, aus der Craftwerk hervorgegangen ist, bestand schließlich schon 23 Jahre vor der Marke. Dort wurden und werden nicht nur besondere Biere entwickelt, sondern auch Rohstoffe, neue Gersten- und Hopfensorten sowie technische Verfahren getestet. Auch Bitburger 0,0% gehörte zu den Produkten, deren Entwicklung mit dieser Pilotanlage verbunden war. Vielleicht liegt darin eine gewisse Ironie der Geschichte.
Die Versuchsbrauerei brachte einst Craftwerk hervor, weil Craft Beer als Zukunftsmarkt erschien. Heute wird Craftwerk eingestellt, während ein anderes Produkt aus der Innovationsarbeit des Unternehmens – alkoholfreies Bier – kräftig wächst.
Die Ideenwerkstatt bleibt also bestehen. Nur die Vorstellung davon, welche Ideen der Markt gerade braucht, hat sich verändert.
Craftwerk hat dabei seinen Platz in der jüngeren deutschen Biergeschichte sicher. Die Marke erinnert an eine Zeit, in der IPA, Pale Ale und außergewöhnliche Hopfensorten plötzlich Aufbruchsstimmung verbreiteten und selbst die großen Traditionsbrauereien neugierig machten. Jetzt werden die letzten Flaschen aus den Regalen verschwinden. Für Craftwerk heißt es damit nach 13 Jahren: Feierabend.
Vermutlich hätte man sich bei einer Craftbiermarke keinen würdigeren Abschied wünschen können, als die letzten Bestände einfach auszutrinken.