Schweizer Brauer wehren sich gegen „No Safe Level“ beim Alkohol

Nicht nur die belgischen Brauer, auch die Brauwirtschaft in der Schweiz stellt sich gegen eine aus ihrer Sicht zunehmend pauschale Bewertung von Alkohol. Der Schweizer Brauerei-Verband (SBV) wendet sich gegen die Aussage, dass beim Alkoholkonsum grundsätzlich kein gesundheitlich sicheres Niveau existiere. Statt allgemeiner Abstinenzbotschaften fordert der Verband eine stärkere Unterscheidung zwischen moderatem Genuss und riskanten Konsummustern.

Auslöser der Stellungnahme war eine Veröffentlichung der Eidgenössischen Kommission für Fragen zu Sucht und Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (EKSN) vom 2. März 2026. Darin stellte die Kommission die Aussagen „weniger Alkohol ist besser“ und „kein Alkoholkonsum ist am sichersten“ in den Mittelpunkt.

Der SBV betont, die Rolle unabhängiger Fachkommissionen zu respektieren und eine auf aktueller Forschung beruhende Information der Bevölkerung zu begrüßen. Mit der zugespitzten Interpretation der wissenschaftlichen Erkenntnisse sei man jedoch nicht einverstanden.

Damit reiht sich der Schweizer Verband in eine Auseinandersetzung ein, die längst nicht mehr auf ein einzelnes Land beschränkt ist. Wie ich bereits in meinem Artikel über Belgien berichtet habe, wehren sich dort die Brauer derzeit ebenfalls gegen eine aus ihrer Sicht undifferenzierte Anti-Alkoholpolitik. In Belgien hat die Diskussion inzwischen ganz praktische Auswirkungen: Die Branche setzt sich unter anderem gegen Warnhinweise und weitere regulatorische Maßnahmen ein. Die Stellungnahme aus der Schweiz zeigt, dass hinter diesen nationalen Auseinandersetzungen eine grundsätzlichere Debatte über den politischen und gesundheitlichen Umgang mit alkoholischen Getränken steht.

Prävention ja – pauschale Abstinenzforderung nein

Der Schweizer Brauerei-Verband bestreitet nicht die gesundheitlichen und gesellschaftlichen Probleme, die durch Alkohol entstehen können. Er unterstützt nach eigenen Angaben gezielte Präventionsmaßnahmen gegen problematische Konsummuster. Dazu zählt der Verband insbesondere Rauschtrinken, Alkoholkonsum Minderjähriger und das Fahren unter Alkoholeinfluss.

Gleichzeitig fordert er eine klare Trennung zwischen solchen Verhaltensweisen und dem maßvollen Konsum durch erwachsene Menschen. Alkoholpolitik müsse sich auf wissenschaftliche Evidenz, absolute Risiken und den jeweiligen kulturellen Kontext stützen und dürfe nicht auf pauschale „No Safe Level“-Botschaften reduziert werden.

Besondere Bedeutung misst der Verband dabei dem Trinkmuster zu. Ein moderater Konsum beispielsweise zum Essen sei nach seiner Auffassung anders zu beurteilen als episodisches Rauschtrinken oder chronisch hoher Alkoholkonsum. Der SBV verweist außerdem darauf, dass der Alkoholkonsum in der Schweiz bereits seit Jahrzehnten zurückgehe und auch der Anteil der Menschen mit täglichem Konsum sinke.

„Punktnüchternheit“ statt genereller Abstinenz

Der Verband verbindet seine Kritik ausdrücklich nicht mit der Forderung, Alkohol in jeder Situation als unproblematisch darzustellen. Stattdessen setzt er auf das Konzept der sogenannten Punktnüchternheit.

In bestimmten Situationen müsse vollständig auf Alkohol verzichtet werden. Der SBV nennt Schwangerschaft und Stillzeit, die Teilnahme am Straßenverkehr, das Bedienen von Maschinen und andere sicherheitsrelevante Tätigkeiten. Gleiches gelte bei der Einnahme von Medikamenten, die sich nicht mit Alkohol vertragen, sowie mit Blick auf die Vorbildfunktion gegenüber Kindern und Jugendlichen.

Nach Auffassung des Verbandes lässt sich damit eine klare Grenze zwischen verantwortungsvollem Konsum und Situationen ziehen, in denen Alkohol grundsätzlich keinen Platz haben sollte.

Kritik an der „No Safe Level“-Botschaft

Ausführlich setzt sich der SBV mit der wissenschaftlichen Grundlage der Aussage auseinander, es gebe kein gesundheitlich sicheres Niveau des Alkoholkonsums. Dabei kritisiert er insbesondere den Umgang mit der 2018 im Fachjournal „The Lancet“ veröffentlichten Global-Burden-of-Disease-Studie.

Die damalige Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass Alkoholkonsum weltweit einen bedeutenden Risikofaktor darstellt und das Niveau, bei dem der gesundheitliche Schaden insgesamt minimiert werde, bei null liege. Diese Untersuchung gehört zu den wissenschaftlichen Grundlagen, auf denen die inzwischen weit verbreitete „No Safe Level“-Botschaft beruht.

Der Schweizer Brauerei-Verband hält die daraus abgeleitete allgemeine Aussage jedoch für zu undifferenziert. Er kritisiert unter anderem, dass für die globale Analyse Daten aus sehr unterschiedlichen Ländern und Kulturen zusammengeführt wurden und Lebensstil, kultureller Hintergrund und unterschiedliche Konsummuster nicht ausreichend berücksichtigt worden seien.

Dabei geht der Verband auch mit der Weltgesundheitsorganisation WHO hart ins Gericht. Er wirft ihr vor, Studien selektiv zu zitieren und in ihrer Kommunikation besonders hohe Zahlen und Schätzungen hervorzuheben. Diese Kritik ist als Position des Brauereiverbandes einzuordnen; die WHO selbst hält weiterhin an ihrer Aussage fest, dass es hinsichtlich der gesundheitlichen Auswirkungen keinen risikofreien Alkoholkonsum gebe.

SBV verweist auf neuere GBD-Auswertung

Als Argument gegen eine aus seiner Sicht zu pauschale Interpretation führt der Verband ausgerechnet eine spätere Untersuchung aus demselben Forschungsumfeld an. 2022 erschien ebenfalls in „The Lancet“ eine aktualisierte Analyse der Global-Burden-of-Disease-Daten.

Diese Untersuchung zeichnete ein differenzierteres Bild nach Alter und Region. Für jüngere Menschen ergaben sich demnach keine gesundheitlichen Vorteile durch Alkoholkonsum. Bei Erwachsenen mittleren und höheren Alters konnten die Modellierungen dagegen unter bestimmten Voraussetzungen ein Konsumniveau ergeben, bei dem das gesundheitliche Gesamtrisiko geringer ausfiel als bei vollständiger Abstinenz.

Der SBV spricht deshalb von einer „echten Kehrtwende“ gegenüber der Veröffentlichung von 2018 und wirft der EKSN vor, diese neuere Auswertung nicht angemessen zu berücksichtigen.

Diese Interpretation ist allerdings selbst Teil der wissenschaftspolitischen Auseinandersetzung. Die Untersuchung von 2022 bedeutet nicht, dass geringe Alkoholmengen generell als gesundheitlich unbedenklich gelten. Vielmehr berechneten die Autoren alters-, geschlechts- und regionsabhängige Risikokurven, bei denen mögliche Effekte auf einzelne Erkrankungen gegen andere alkoholbedingte Risiken abgewogen wurden.

Auch Deutschland Teil der Debatte

Der Schweizer Brauerei-Verband zieht ausdrücklich eine Verbindung nach Deutschland. Er kritisiert das Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) zum Alkohol und argumentiert, dieses stütze sich wesentlich auf Beobachtungsstudien und die ältere GBD-Auswertung.

Dem stellt der SBV neben der GBD-Analyse von 2022 einen 2025 veröffentlichten Bericht der US-amerikanischen National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine (NASEM) gegenüber. Für den Verband zeigt die unterschiedliche Bewertung der vorhandenen Forschung, dass die internationale wissenschaftliche Diskussion weniger eindeutig sei, als es die verbreitete Formel vom fehlenden sicheren Konsumniveau vermuten lasse.

Bier als Kulturgut

Neben den gesundheitspolitischen Argumenten führt der SBV auch die kulturelle Bedeutung des Bieres ins Feld. Bier sei seit Jahrtausenden Bestandteil menschlicher Kultur und habe als Genussmittel eine gesellschaftliche und soziale Funktion.

Zudem verweist der Verband auf den im Vergleich zu Wein und Spirituosen niedrigeren Alkoholgehalt eines typischen Lagerbiers. In der Schweiz liegt dessen Alkoholgehalt nach Angaben des SBV bei rund 4,8 Volumenprozent. Lagerbier macht demnach nahezu 70 Prozent des Schweizer Biermarktes aus.

Gleichzeitig verändert sich der Markt. Alkoholfreies Bier erreichte 2025 nach Angaben des Verbandes bereits einen Anteil von 7,6 Prozent. Bis 2030 könnte dieser auf zehn Prozent steigen. Der SBV sieht darin auch einen Teil der Verantwortung der Branche, Konsumenten Alternativen anzubieten.

Brauerverbände gehen in die Offensive

Die Stellungnahme aus der Schweiz und die aktuelle Auseinandersetzung in Belgien weisen trotz unterschiedlicher nationaler Anlässe deutliche Gemeinsamkeiten auf. Brauereiverbände stellen sich nicht grundsätzlich gegen Alkoholprävention, wenden sich aber zunehmend gegen gesundheitspolitische Botschaften, die aus ihrer Sicht nicht ausreichend zwischen Konsummengen, Trinkmustern und unterschiedlichen Risikogruppen unterscheiden.

Damit zeichnet sich eine grundsätzliche Auseinandersetzung ab. Auf der einen Seite stehen Gesundheitsorganisationen und Fachgremien, die auch auf Risiken geringer Alkoholmengen hinweisen und eine Reduzierung des Gesamtkonsums anstreben. Auf der anderen Seite argumentiert die Brauwirtschaft, eine solche Betrachtung greife zu kurz, wenn moderater Konsum und Alkoholmissbrauch in der öffentlichen Kommunikation nicht deutlich genug voneinander getrennt werden.

Für die Brauereien geht es dabei um mehr als wissenschaftliche Begrifflichkeiten. Wie das Beispiel Belgien zeigt, können aus veränderten gesundheitspolitischen Bewertungen konkrete Maßnahmen wie Warnhinweise, Werbebeschränkungen oder weitere Regulierungen entstehen. Entsprechend intensiv dürfte die Auseinandersetzung darüber geführt werden, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse künftig die europäische Alkoholpolitik bestimmen.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.