Während der Bierabsatz in Deutschland langfristig unter Druck steht, melden mehrere Brauereien aus der Region Bodensee, Allgäu und Oberschwaben für 2026 steigende Verkaufszahlen. Das gute Sommerwetter hat dabei sicher geholfen. Doch es gibt noch einen anderen Ansatz, der einen genaueren Blick verdient: die enge Verbindung zwischen den Brauereien, ihren Rohstofflieferanten und den Menschen in ihrer Heimat.
Die Brauereien Härle in Leutkirch, Leibinger in Ravensburg und Farny in Kißlegg berichten von einer positiven Absatzentwicklung. Härle verzeichnet nach Angaben des Südwestrundfunks ein Plus von sechs Prozent, Farny liegt knapp drei Prozent über dem Vorjahr. Auch Leibinger blickt auf einen erfolgreichen bisherigen Jahresverlauf. Damit entwickeln sich die Betriebe entgegen dem allgemeinen Trend auf dem deutschen Biermarkt.
Vom Hopfenfeld bis zur Brauerei
Wie eng Bier und Region miteinander verbunden sein können, zeigt die Brauerei Clemens Härle aus Leutkirch im Allgäu. Das Unternehmen gibt an, seine gesamte Braugerste aus Oberschwaben zu beziehen. Für seine alkoholfreien Biere arbeitet es mit mehr als 20 Bio-Landwirten aus Oberschwaben und dem Allgäu zusammen. Der Hopfen stammt von der Familie Bentele aus Tettnang, das Brauwasser aus der Adelegg zwischen Leutkirch und Isny.
Damit beschränkt sich die regionale Herkunft nicht auf den Firmensitz oder den Namen auf dem Etikett. Ein wesentlicher Teil der Rohstoffe kommt tatsächlich aus der näheren Umgebung. Die kurzen Transportwege sind für Härle zugleich Teil des eigenen Nachhaltigkeitsanspruchs.
Auch die Brauerei Max Leibinger in Ravensburg setzt auf Rohstoffe aus der Region. Seit 1894 wird auf dem Ravensburger Bierbuckel gebraut. Das Gerstenmalz stammt nach Angaben des Unternehmens von oberschwäbischen Landwirten, der Naturhopfen aus dem Anbaugebiet Tettnang. Das Wasser für die Biere kommt aus einem eigenen Brunnen auf dem Brauereigelände.
Solche Lieferbeziehungen schaffen eine Verbindung zwischen Landwirtschaft und Brauwirtschaft. Die Brauerei weiß, wo wichtige Zutaten herkommen, und die Landwirte beliefern einen Abnehmer aus ihrer unmittelbaren Umgebung. Zugleich bleibt ein Teil der Wertschöpfung in der Region.
Regionale Identität als Teil des Geschäftsmodells
Die Edelweißbrauerei Farny in Kißlegg im Westallgäu zeigt eine weitere Facette regionaler Verankerung. Der Betrieb ist vor allem für seine Weizenbiere bekannt und bezeichnet sich selbst als regionalen Marktführer in diesem Segment. Nach eigenen Angaben werden die Biere in mehr als 500 Gastronomiebetrieben und über 350 Verkaufsstellen im süddeutschen Raum angeboten.
Auch bei den Rohstoffen setzt Farny auf regionale Bezüge: Der Hopfen kommt aus Tettnang, das Brauwasser aus eigenen Quellen. Darüber hinaus engagiert sich die mit der Brauerei verbundene Stiftung für die Region und unterstützt Sport, Kultur und Brauchtum.
Diese Beispiele zeigen unterschiedliche Formen regionaler Verwurzelung. Sie reichen von der Herkunft der Rohstoffe über die Zusammenarbeit mit örtlichen Betrieben bis zur Präsenz in Gastronomie und Handel. Regionalität ist damit nicht nur eine Frage des Marketings, sondern kann ein konkreter Bestandteil der betrieblichen Ausrichtung sein.
Warum kaufen Kunden Bier aus ihrer Heimat?
Gottfried Härle sieht die Verbundenheit der Kundinnen und Kunden mit ihrer Region als einen Faktor für die positive Entwicklung. Gegenüber dem SWR erklärte er, dass die Kundschaft regionale Produkte sehr schätze. Das ist eine nachvollziehbare Erklärung, aber kein Beweis dafür, dass Regionalität allein die steigenden Absätze verursacht.
Auch das Wetter spielte in diesem Jahr eine Rolle. Ein langanhaltender, warmer Sommer begünstigt den Bierkonsum im Biergarten, bei Veranstaltungen und in der Gastronomie. Hinzu kommt die Bedeutung des Tourismus rund um Bodensee und Allgäu. Regionale Feste wie das Seehasenfest in Friedrichshafen oder das Rutenfest in Ravensburg schaffen weitere Gelegenheiten, bei denen heimische Biere ausgeschenkt werden.
Wie groß der jeweilige Anteil dieser Faktoren am Wachstum ist, lässt sich aus den bisher veröffentlichten Angaben nicht beziffern. Die Zahlen zeigen jedoch, dass die Brauereien in dieser Region bislang besser durch das Jahr gekommen sind als der Gesamtmarkt.
Alkoholfreies Bier als zusätzlicher Wachstumstreiber
Neben der regionalen Verbundenheit spielt auch die Entwicklung alkoholfreier Biere eine wichtige Rolle. Die Brauereien berichten von einer zunehmenden Nachfrage nach diesen Sorten. Besonders alkoholfreies Hefeweizen war laut SWR bei der Gastronomie in diesem Sommer gefragt.
Bei Härle machen alkoholfreie Biere inzwischen rund 20 Prozent des Absatzes aus. Das zeigt, dass der Betrieb nicht allein auf traditionelle Sorten setzt, sondern sein Angebot an veränderte Konsumgewohnheiten anpasst.
Gerade bei alkoholfreien Bieren verbindet Härle die Produktentwicklung mit regionaler Rohstoffbeschaffung: Braugerste und Brauweizen kommen von Bio-Landwirten aus Oberschwaben und dem Allgäu, der Hopfen aus Tettnang. So treffen zwei Entwicklungen aufeinander – die wachsende Nachfrage nach alkoholfreien Alternativen und das Interesse an Produkten aus der eigenen Region.
Ein Gegenmodell zum anonymen Massenmarkt?
Die Beispiele aus Oberschwaben und dem Allgäu zeigen, wie regionale Brauereien ihre Herkunft mit konkreten wirtschaftlichen Entscheidungen verbinden können. Sie arbeiten mit Landwirten aus der Umgebung, nutzen regionale Rohstoffe und sind in ihrer Heimat mit Gastronomie, Handel und Veranstaltungen verbunden.
Ob diese Nähe den Absatz tatsächlich dauerhaft stabilisieren kann, lässt sich aus einem einzelnen erfolgreichen Jahr nicht ableiten. Auch regionale Brauereien müssen mit steigenden Kosten, verändertem Konsumverhalten und einem intensiven Wettbewerb umgehen. Die aktuellen Zahlen sind deshalb kein Beleg dafür, dass Regionalität alle wirtschaftlichen Probleme lösen kann.
Sie zeigen aber, dass die Verbindung zur Heimat für manche Brauereien mehr bedeutet als eine schöne Geschichte auf dem Etikett. Wenn Kunden wissen, wo ihr Bier gebraut wird, woher die Rohstoffe stammen und welche Menschen dahinterstehen, entsteht eine greifbare Beziehung zwischen Produkt und Region.
Vielleicht liegt genau darin eine Chance für regionale Brauereien: nicht einfach nur Bier anzubieten, sondern ein Produkt, dessen Herkunft nachvollziehbar ist und das Teil des lokalen Lebens bleibt. Die Entwicklung in Bodensee, Allgäu und Oberschwaben liefert dafür interessante Beispiele – auch wenn sich erst in den kommenden Jahren zeigen wird, wie nachhaltig dieser Vorteil ist.