BrauBeviale 2026: Alkoholfreie Getränke rücken stärker ins Zentrum der Brauereimesse
Wenn sich vom 10. bis 12. November 2026 die internationale Getränkewirtschaft zur BrauBeviale in Nürnberg trifft, wird Bier selbstverständlich weiterhin eine Hauptrolle spielen. Doch es bekommt Gesellschaft. Alkoholfreie Biere, fermentierte Getränke, Functional Drinks, alkoholfreie Aperitifs und andere neue Getränkekonzepte nehmen im Programm deutlich mehr Raum ein.
Das ist mehr als eine Erweiterung des Verkostungsangebots. Die BrauBeviale reagiert damit auf einen Getränkemarkt, dessen traditionelle Grenzen zunehmend verschwimmen. Brauereien beschäftigen sich längst nicht mehr ausschließlich mit der Frage, welches Bier sie künftig brauen wollen. Immer häufiger geht es auch darum, welche anderen Getränke sich mit vorhandenen Anlagen herstellen lassen und wie sich die wachsende Nachfrage nach alkoholfreien Produkten nutzen lässt.
Das Leitthema der BrauBeviale 2026 passt dazu: „Time for Opportunities“. Statt den Wandel der Getränkewirtschaft lediglich zu beklagen, soll die Messe zeigen, welche Geschäftsmöglichkeiten daraus entstehen können.
Aus der Brauereimesse wird stärker eine Getränkemesse
Die Entwicklung zeichnet sich bereits seit einiger Zeit ab, wird 2026 aber besonders sichtbar. Vanessa Kratzer, Head of Marketing beim Veranstalter Yontex, erklärte gegenüber Getränke News Anfang September ausdrücklich, dass sich die BrauBeviale stärker für alkoholfreie Getränke und neue Getränkekonzepte öffnen werde. Die Wurzeln im Brauwesen sollen dabei erhalten bleiben.
Für Brauereien ist diese Öffnung durchaus logisch. Der Biermarkt verändert sich, während gleichzeitig neue Getränkekategorien wachsen. Hinzu kommt, dass die technischen Grenzen zwischen den einzelnen Segmenten weniger eindeutig sind als früher. Wer bereits Tanks, Abfüllanlagen, Verpackungstechnik und entsprechendes Know-how besitzt, muss diese Infrastruktur nicht zwangsläufig ausschließlich für klassisches Bier einsetzen.
Genau diese Frage greift das Rahmenprogramm auf: Wie können bestehende Produktionsanlagen für alternative Getränke genutzt werden? Damit dürfte eine der interessantesten Diskussionen der Messe weit über die Frage hinausgehen, wie das nächste IPA schmecken soll.
Alkoholfreies Bier wird zum Technologiethema
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung beim alkoholfreien Bier. Dass es sich dabei längst nicht mehr um ein Nischenprodukt handelt, lässt sich auch daran erkennen, welche Bedeutung ihm die großen Anlagenbauer beimessen.
Krones stellt das Thema bei seinem diesjährigen Messeauftritt weit nach vorne. Das Unternehmen verweist auf die weltweit steigende Nachfrage nach alkoholfreien Bieren und präsentiert in Nürnberg unter anderem Weiterentwicklungen seines dynamischen Fermentationsverfahrens. Dabei kombiniert die Krones-Tochter Steinecker die Umwälzeinheit Poseidon mit sogenannten Crabtree-negativen NEER-Hefen von Novonesis. Das Verfahren wird nach Angaben des Unternehmens mittlerweile bei mehreren Kunden weltweit eingesetzt.
Interessant ist daran weniger ein einzelnes technisches Detail als die grundsätzliche Entwicklung. Alkoholfreies Bier wird zunehmend zu einem eigenständigen technologischen Wettbewerbsfeld. Brauereien können zwischen unterschiedlichen Herstellungsverfahren wählen, während Anlagenbauer und Hefespezialisten daran arbeiten, Geschmack, Effizienz und Wirtschaftlichkeit weiter zu verbessern.
Was früher häufig als notwendige Ergänzung eines Biersortiments behandelt wurde, entwickelt sich damit zu einem Bereich, in dem gezielt investiert und geforscht wird.
„Beyond Beer“ wird zur ernsthaften Frage
Dass sich die Veränderung nicht auf alkoholfreies Bier beschränkt, macht bereits die erste Keynote der Messe deutlich. Charles Nouwen von Peer to Beer stellt am 10. November die Frage „Going Beyond Beer or Taking Beer Beyond?“.
Dahinter steckt ein grundlegendes Problem der Brauwirtschaft. Verbraucher können heute aus einer enormen Vielfalt von Getränken wählen. Bier konkurriert nicht mehr ausschließlich mit Wein und Spirituosen, sondern ebenso mit alkoholfreien Alternativen, Cocktails und Mocktails, fermentierten Getränken oder funktionalen Produkten. Die Grenzen zwischen diesen Kategorien werden zugleich unschärfer.
Am folgenden Messetag beschäftigt sich Charles Banks von thefoodpeople mit genau dieser Entwicklung. Nach seiner Analyse verändert sich nicht nur, was Menschen trinken, sondern vor allem, warum sie sich für bestimmte Getränke entscheiden. Wohlbefinden, moderater Konsum, Funktionalität, Nachhaltigkeit und das Erlebnis rund um ein Produkt beeinflussen zunehmend die Kaufentscheidung.
Für Brauereien entsteht daraus eine durchaus unbequeme Frage: Muss man ausschließlich mehr Menschen vom eigenen Bier überzeugen – oder sollte eine Brauerei künftig auch Produkte herstellen, die gar kein Bier mehr sind?
Die Discovery Bar zeigt, wohin die Reise gehen könnte
Wie weit sich der Getränkemarkt bereits von den traditionellen Kategorien entfernt hat, dürfte sich besonders deutlich in Halle 6 zeigen. Dort startet die BrauBeviale mit der Discovery Bar ein neues Verkostungsformat. Mehr als 50 Getränke sollen dort vorgestellt werden. Hinter dem Tresen stehen Start-ups, Quereinsteiger und etablierte Hersteller, die neue Konzepte präsentieren.
Und die Produktliste liest sich stellenweise weniger wie das Programm einer klassischen Brauereifachmesse als wie ein Blick in ein Getränkeregal der Zukunft.
Geplant sind unter anderem Getränke mit Elektrolyten, Probiotika, Kollagen und Protein, fermentierte alkoholfreie Getränke, Infused Water und Drinking Vinegar. Dazu kommen alkoholfreie Aperitifs, Lion’s-Mane-Soda sowie trinkfertige Mischgetränke mit und ohne Alkohol.
Die Messe selbst macht dabei keinen Hehl daraus, wohin der Schwerpunkt geht: Er liegt klar auf alkoholfreien Produkten.
Gerade für Brauer könnte die Discovery Bar deshalb zu einem der interessantesten Orte der Messe werden. Nicht unbedingt, weil dort das nächste Getränk steht, das jede Brauerei sofort kopieren sollte. Sondern weil sich dort beobachten lässt, mit welchen Produkten künftig um dieselben Konsumenten konkurriert wird.
Alkoholfrei soll auch in der Gastronomie besser funktionieren
Dabei geht es nicht allein um die industrielle Herstellung neuer Getränke. In der neuen Focus Corner werden jeweils höchstens 30 Teilnehmer in 90-minütigen Workshops konkrete Fragestellungen bearbeiten.
Eines der Themen lautet „alkoholfreier Genuss in der Gastronomie“. Das ist ein wichtiger Punkt. Denn ein überzeugendes alkoholfreies Getränk allein garantiert noch keinen Markterfolg. Es muss auch dort verfügbar sein, wo Menschen bisher selbstverständlich Bier, Wein oder einen Cocktail bestellt haben.
Gerade die Gastronomie wird deshalb zu einem wichtigen Schauplatz des Wandels. Wer keinen Alkohol trinken möchte, erwartet zunehmend mehr als Wasser, Cola oder einen lieblos eingeschenkten Fruchtsaft. Für Brauereien und andere Getränkehersteller eröffnet sich damit ein Markt, in dem Geschmack und Genuss ausdrücklich ohne Alkohol funktionieren sollen.
Kleine Brauereien müssen sich ebenfalls positionieren
Auch kleine und unabhängige Brauereien kommen an dieser Entwicklung nicht vorbei. Eine Podiumsdiskussion am 12. November beschäftigt sich mit Erfolgsstrategien unabhängiger Brauereien in Europa. Vertreter aus Deutschland, Italien, Griechenland, Polen, Österreich, Großbritannien und Tschechien sollen ihre jeweiligen Märkte vergleichen und einen Blick auf die weitere Entwicklung werfen. Dabei steht ausdrücklich auch das Segment des alkoholfreien Bieres auf der Agenda.
Gerade für kleine Brauereien ist das Thema kompliziert. Einerseits eröffnet alkoholfreies Bier neue Zielgruppen. Andererseits können bestimmte Herstellungsverfahren erhebliche Investitionen erfordern.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob kleine Brauereien alkoholfreie Produkte anbieten sollten. Sie lautet auch, mit welchen technischen Verfahren und Geschäftsmodellen sie dabei wirtschaftlich mithalten können.
Die Zuckersteuer kommt ebenfalls auf den Tisch
Dass alkoholfreie Getränke nicht automatisch eine regulatorisch einfache Alternative darstellen, zeigt ein weiteres Thema des Rahmenprogramms. Am 11. November diskutiert ein internationales Podium unterschiedliche Modelle von Zuckersteuern beziehungsweise Zuckerabgaben in Europa. Vertreter aus Deutschland, Großbritannien und Litauen sollen Erfahrungen mit Rezepturanpassungen, Verbraucherreaktionen, Preisgestaltung und wirtschaftlichen Folgen austauschen.
Das dürfte auch für Brauereien interessant werden, die ihr Sortiment über klassisches Bier hinaus erweitern wollen. Denn sobald neue alkoholfreie Getränke Zucker oder Süßungsmittel enthalten, können ganz andere regulatorische Fragen relevant werden als beim traditionellen Bier.
Damit schließt sich gewissermaßen der Kreis: Neue Getränkekategorien eröffnen zusätzliche Märkte, bringen aber gleichzeitig neue technische und rechtliche Herausforderungen mit sich.
BrauBeviale bleibt Biermesse – aber Bier steht nicht mehr allein
All das bedeutet nicht, dass die BrauBeviale ihre Herkunft hinter sich lässt. Brautechnik, Rohstoffe, Abfüllung, Verpackung, Logistik und Ressourceneffizienz bleiben zentrale Themen. Auch klassische Herausforderungen wie Energieverbrauch, Wasseraufbereitung, Digitalisierung und Automatisierung ziehen sich durch das Programm. Neu ist vielmehr die Selbstverständlichkeit, mit der Bier inzwischen neben anderen Getränkekategorien steht.
Das dürfte eine ziemlich realistische Abbildung dessen sein, was derzeit auch in vielen Brauereien geschieht. Ein Betrieb, der jahrzehntelang nahezu ausschließlich darüber nachdenken musste, welche Bierstile seine Kunden kaufen, findet sich plötzlich in einer Getränkewelt wieder, in der alkoholfreies Bier, Functional Drinks, RTDs und vollkommen neue Produktkategorien um Aufmerksamkeit konkurrieren.
Die BrauBeviale reagiert darauf, indem sie ihren Horizont erweitert.
Vom 10. bis 12. November wird sich in Nürnberg deshalb nicht nur zeigen, wie Bier künftig gebraut wird. Mindestens ebenso spannend dürfte die Frage werden, was Brauereien in Zukunft außer Bier herstellen.
Vielleicht ist das die wichtigste Veränderung der BrauBeviale 2026: Das Bier verschwindet keineswegs aus dem Mittelpunkt. Der Mittelpunkt wird einfach größer.
Bierzirkus.de wird die BrauBeviale 2026 in den kommenden Wochen weiter begleiten und einzelne Themen der Messe gesondert aufgreifen.