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Bock auf Herbst? Wie die Niederländer dem Bockbier eine neue Jahreszeit verpassten – Bierzirkus

Bock auf Herbst? Wie die Niederländer dem Bockbier eine neue Jahreszeit verpassten

Vom Einbecker Exportschlager zum niederländischen Herbstklassiker: Eine Glosse über Bockbier, Brautraditionen und die erstaunliche Karriere eines saisonalen Getränks.

Es gibt Dinge, die gehören einfach zusammen: Weihnachten und Lebkuchen, Sommer und Grillwurst, Oktoberfest und Maßkrüge. Und in den Niederlanden gehören zum Herbst offenbar Bockbier und Kastanienbraun. Während wir hierzulande beim Wort Bockbier eher an kräftige Biere im Frühjahr oder an die kalte Jahreszeit denken, öffnen unsere Nachbarn schon Anfang Oktober die Flaschen. Schließlich muss man die dunkle Jahreszeit ja irgendwie überstehen. Und wenn es draußen ungemütlich wird, hilft bekanntlich ein Bier, das nach Karamell, dunklen Früchten und geröstetem Brot schmeckt.

Doch wie kam der Bock eigentlich in den niederländischen Herbst? Die Antwort ist eine hübsche Geschichte über deutsche Braukunst, bayerische Aussprache und niederländischen Geschäftssinn.

Einbeck, Bayern und die Sache mit dem Bock

Am Anfang steht Einbeck in Niedersachsen. Dort braute man bereits im 14. Jahrhundert ein kräftiges Bier, das sich weit über die Stadtgrenzen hinaus einen Namen machte. Es war stärker eingebraut und kräftiger gehopft als viele andere Biere seiner Zeit. Selbst Martin Luther soll ein Freund des Einbecker Bieres gewesen sein. Wenn das kein Ritterschlag ist! Wobei ich mich frage, ob Luther beim Biertrinken auch schon über die richtige Schaumkrone diskutiert hat.

Irgendwann entdeckte auch der bayerische Herzog die Vorzüge des Einbecker Bieres. Er ließ einen Brauer aus der niedersächsischen Stadt an seinen Hof holen. Und weil sich Einbeck im bayerischen Dialekt offenbar nicht besonders elegant aussprechen ließ, wurde aus „Ainpöck“ irgendwann „Bock“. So jedenfalls will es die Überlieferung. Dass ausgerechnet ein Ausspracheproblem zur Namensgebung eines ganzen Bierstils geführt haben soll, ist eine dieser Geschichten, die man als Bierfreund gern weitererzählt. Ob sie in jedem Detail stimmt, ist eine andere Frage.

In Bayern entwickelte sich das Bier weiter. Aus dem ursprünglichen Einbecker Bier wurde eine eigenständige Bockbiertradition, die später auch untergärige Varianten hervorbrachte. Das Bier hatte seinen Platz im Jahreslauf: Es wurde für Zeiten gebraut, in denen das Brauen schwieriger war, und konnte entsprechend gelagert werden. Der Bock war also nicht nur ein Bier, sondern auch eine Antwort auf die technischen Grenzen der Zeit.

Die Niederländer entdecken den Bock

Im 19. Jahrhundert wurde das bayerische Lagerbier in den Niederlanden immer beliebter. Als niederländische Brauereien gegen Ende des Jahrhunderts selbst begannen, Bockbier zu brauen, holten sie sich deutsche Braumeister ins Land. Die brachten ihre Rezepte und ihr Wissen mit. Der Bock war angekommen – und zunächst keineswegs als Herbstbier.

Um 1900 wurde er in den Niederlanden zwischen Dezember und März ausgeschenkt. Das klingt für uns durchaus plausibel. Ein kräftiges, malzbetontes Bier passt schließlich hervorragend zu kalten Tagen, schweren Mahlzeiten und langen Abenden. Doch irgendwann, erst gegen Ende der sechziger Jahre, kam jemand auf die Idee, den Bock in den Herbst zu verlegen.

Warum? Vielleicht hatte man festgestellt, dass der Herbst ohnehin schon genügend Probleme mit sich bringt: Regen, fallende Blätter, kürzere Tage und die traurige Erkenntnis, dass die nächste Grillsaison noch Monate entfernt ist. Da konnte ein saisonales Bier nicht schaden. Oder man wollte einfach einen eigenen Platz im Bierkalender besetzen. Schließlich ist es im Getränkehandel wie im richtigen Leben: Wer zu spät kommt, muss sehen, wo er bleibt.

Herbstbock: eine niederländische Spezialität

Heute beginnt die niederländische Bocksaison ganz selbstverständlich Anfang Oktober. Dann wird das Bier kastanienbraun ins Glas gegossen, duftet nach Malz und Karamell und bringt Aromen von dunklen Früchten mit. Die Bittere bleibt meist moderat, der Alkohol ist im Nachgeschmack zu spüren. Das klingt nach einem Bier, das es sich mit einem guten Buch und einer Decke auf dem Sofa gemütlich macht.

Besonders interessant ist, dass es den niederländischen Herbstbock in unterschiedlichen Ausführungen gibt. Neben untergärigen Varianten finden sich auch obergärige Biere. So hat sich aus einem ursprünglich deutschen Bierstil eine eigenständige niederländische Tradition entwickelt. Das ist durchaus bemerkenswert. Wir Deutschen sind schließlich nicht gerade dafür bekannt, unsere Biertraditionen leichtfertig aus der Hand zu geben. Aber vielleicht haben wir einfach nicht schnell genug reagiert.

Während bei uns der Bock je nach Region und Brauerei zu unterschiedlichen Zeiten im Jahr auftaucht, ist der Herbstbock in den Niederlanden fest im Kalender verankert. Anfang Oktober heißt es dort offenbar nicht nur: „Die Heizung muss wieder an“, sondern auch: „Der Bock ist da!“

Vielleicht brauchen wir auch einen Herbstbock

Natürlich könnte man jetzt behaupten, die Niederländer hätten uns den Bock geklaut. Aber das wäre ungerecht. Schließlich haben sie ihn nicht nur übernommen, sondern ihm eine neue Jahreszeit gegeben und daraus eine eigene Biertradition gemacht. Das ist mehr als bloßes Kopieren. Es ist eine Form von Braukultur, die zeigt, dass Bierstile nicht für alle Zeiten unveränderlich bleiben müssen.

Und mal ehrlich: Warum sollte ein kräftiges, malzbetontes Bier nicht schon im Oktober ins Glas dürfen? Wenn die Tage kürzer werden und die Temperaturen sinken, ist gegen einen guten Bock wenig einzuwenden. Man muss ja nicht gleich warten, bis draußen der erste Schnee liegt.

Vielleicht sollten wir uns also ein Beispiel an unseren Nachbarn nehmen. Nicht, weil wir in Deutschland noch mehr Biertraditionen bräuchten. Davon haben wir wahrlich genug. Sondern weil es manchmal ganz erfrischend ist, wenn jemand einen vertrauten Bierstil anders interpretiert.

Und wer weiß: Vielleicht sitzen wir irgendwann im Oktober mit einem niederländischen Herfstbock auf dem Sofa und stellen fest, dass der Herbst doch gar nicht so schlecht ist. Vorausgesetzt, wir haben vorher noch genug Lebkuchen gekauft.

Hinweis: Dieser Artikel basiert auf einer Idee von Frits Dunnink, einem Biersommelier aus Tilburg in den Niederlanden.

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