Europas Brauer wehren sich gegen pauschale Anti-Alkoholpolitik

Die Auseinandersetzung um den gesundheitspolitischen Umgang mit Alkohol gewinnt in Europa an Schärfe. Nachdem sich zuletzt die belgischen Brauer gegen die dortige Anti-Alkoholkampagne positioniert haben und der Schweizer Brauerei-Verband (SBV) der Aussage „kein Alkoholkonsum ist am sichersten“ widersprochen hat, zeigt ein Blick in andere Länder: Die Kritik ist keineswegs auf Belgien und die Schweiz beschränkt.

Auch Brauereiverbände in Deutschland, Italien, den Niederlanden und Großbritannien beschäftigen sich mit einer Alkoholpolitik, die aus ihrer Sicht zunehmend den Konsum an sich statt ausschließlich schädlicher Konsummuster in den Mittelpunkt stellt. Hinzu kommt der europäische Dachverband The Brewers of Europe, der auf EU-Ebene für eine Politik wirbt, die zwischen moderatem Konsum und Alkoholmissbrauch unterscheidet.

Die Stoßrichtung ist ähnlich, die Argumentation unterscheidet sich jedoch teilweise erheblich. Während manche Verbände die „No Safe Level“-Botschaft unmittelbar angreifen, setzen andere stärker auf Prävention, alkoholfreies Bier und die gesellschaftliche Verantwortung der Branche.

Belgien: Widerstand gegen konkrete politische Maßnahmen

In Belgien ist die Auseinandersetzung besonders weit fortgeschritten. Wie ich bereits in meinem Artikel über den Kampf der belgischen Brauer gegen die aktuelle Anti-Alkoholkampagne berichtet habe, geht es dort längst nicht mehr allein um unterschiedliche Auffassungen über gesundheitliche Risiken.

Die Diskussion hat die politische Ebene erreicht. Warnhinweise und weitere Einschränkungen für alkoholische Getränke werden von der Brauwirtschaft als Teil einer Entwicklung betrachtet, bei der Alkohol zunehmend ähnlich wie Tabak behandelt werde.

Damit unterscheidet sich Belgien von mehreren anderen Ländern. Die belgischen Brauer reagieren nicht lediglich auf eine gesundheitspolitische Grundsatzposition, sondern auf konkrete oder diskutierte regulatorische Konsequenzen. Der Konflikt zwischen Gesundheitspolitik und Brauwirtschaft wird dadurch unmittelbar greifbar.

Schweiz: Direkter Angriff auf „No Safe Level“

Besonders ausführlich hat der Schweizer Brauerei-Verband seine Position formuliert. Anlass war eine Stellungnahme der Eidgenössischen Kommission für Fragen zu Sucht und Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (EKSN), die Anfang März 2026 die Aussagen „weniger Alkohol ist besser“ und „kein Alkoholkonsum ist am sichersten“ in den Mittelpunkt gestellt hatte.

Der SBV akzeptiert ausdrücklich die Notwendigkeit von Prävention und nennt Rauschtrinken, Alkoholkonsum Minderjähriger und Alkohol am Steuer als Probleme, gegen die vorgegangen werden müsse. Gleichzeitig fordert er jedoch eine klare Trennung zwischen Missbrauch und dem maßvollen Genuss erwachsener Menschen.

Eine zentrale Rolle spielt dabei das Trinkmuster. Der Verband wendet sich dagegen, die konsumierte Alkoholmenge isoliert zu betrachten, und fordert, beispielsweise zwischen moderatem Konsum zum Essen und episodischem Rauschtrinken zu unterscheiden.

Dazu kommt das vom SBV als „Punktnüchternheit“ bezeichnete Prinzip. In bestimmten Situationen soll demnach überhaupt kein Alkohol konsumiert werden – etwa während Schwangerschaft und Stillzeit, im Straßenverkehr, beim Bedienen von Maschinen oder wenn Medikamente eingenommen werden, die sich nicht mit Alkohol vertragen. Eine solche gezielte Abstinenz stellt der Verband einer allgemeinen Abstinenzbotschaft gegenüber.

Anders als viele andere europäische Brauereiverbände greift der SBV darüber hinaus unmittelbar die wissenschaftliche Argumentation hinter „No Safe Level“ an. Er kritisiert die Interpretation der Global-Burden-of-Disease-Studie von 2018 und verweist auf eine neuere Auswertung von 2022. Zugleich wirft er der WHO eine einseitige Kommunikation gesundheitlicher Alkoholrisiken vor.

Deutschland: Der Brauer-Bund positioniert sich gegen Null-Toleranz-Botschaften

Eine bemerkenswert ähnliche Position vertritt der Deutsche Brauer-Bund (DBB). Sie findet sich sogar ausdrücklich in den Angaben des Verbandes im Lobbyregister des Deutschen Bundestages.

Dort formuliert der DBB als Ziel die Beibehaltung der Trennung zwischen verantwortungsvollem Bierkonsum und schädlichem Alkoholmissbrauch. Gleichzeitig wendet sich der Verband ausdrücklich gegen einseitige Null-Toleranz-Botschaften nach dem Muster „No safe level of alcohol consumption“.

Der DBB geht in seiner Wortwahl noch einen Schritt weiter und bezeichnet solche Botschaften als wissenschaftlich unseriös und durch Studien nicht belegt. Eine im März 2026 an Mitglieder des Bundestages versandte Stellungnahme bekräftigt ebenfalls die Forderung, verantwortungsvollen Bierkonsum von Alkoholmissbrauch zu unterscheiden.

Gleichzeitig verweist der Verband auf die Präventionsaktivitäten der deutschen Brauwirtschaft unter der Dachkampagne „Bier bewusst genießen“.

Deutschland und die Schweiz liegen damit in ihrer Argumentation vergleichsweise dicht beieinander. Beide Verbände akzeptieren Prävention gegen schädlichen Konsum, wenden sich aber ausdrücklich gegen eine gesundheitspolitische Botschaft, die aus ihrer Sicht die Grenze zwischen verantwortungsvollem Konsum und Missbrauch verwischt.

Italien: AssoBirra warnt vor einem „prohibitionistischen Ansatz“

Noch konfrontativer fällt die Wortwahl in Italien aus. AssoBirra widmet der europäischen und internationalen Alkoholpolitik in seinem aktuellen Jahresbericht breiten Raum.

Der italienische Verband sieht die Gefahr, dass die bisherige Politik zur Verringerung schädlichen Alkoholkonsums durch einen grundsätzlich anderen Ansatz ersetzt wird. Ausdrücklich nennt AssoBirra dabei „No Safe Level“ und warnt vor einer Entwicklung hin zu einem „prohibitionistischen Ansatz“.

Die Kritik richtet sich vor allem auf die WHO und die Diskussionen auf Ebene der Vereinten Nationen. AssoBirra befürchtet, dass internationale gesundheitspolitische Erklärungen zwar nicht unmittelbar rechtsverbindlich sein müssen, anschließend aber als Grundlage für nationale Maßnahmen dienen könnten.

Der Verband beobachtet deshalb nicht nur Italien, sondern ausdrücklich die Entwicklung in anderen europäischen Ländern. Genannt werden unter anderem die Alkoholkennzeichnung in Irland, Diskussionen in Frankreich, die finnische Empfehlung, wonach es kein sicheres Niveau des Alkoholkonsums gebe, sowie mögliche Verschärfungen in Spanien und Deutschland.

In seinem Jahresbericht beschreibt AssoBirra die Entwicklung der europäischen Auseinandersetzung mit Alkohol sogar als regelrechten „Kreuzzug“.

Gleichzeitig betont der Verband, Maßnahmen gegen schädlichen Alkoholkonsum weiterhin zu unterstützen. Der entscheidende Streitpunkt ist also auch hier die Frage, worauf sich Alkoholpolitik richten soll: auf schädlichen Konsum oder auf den Konsum alkoholischer Getränke insgesamt.

Damit ähnelt die italienische Position grundsätzlich der deutschen und schweizerischen. Der Tonfall fällt allerdings deutlich politischer aus. Während der SBV ausführlich mit Studien und unterschiedlichen Risikobewertungen argumentiert und der DBB seine Position auf die Trennung zwischen verantwortungsvollem Konsum und Missbrauch konzentriert, sieht AssoBirra eine grundsätzliche Verschiebung der internationalen Alkoholpolitik.

Niederlande: Kooperation statt Konfrontation

Deutlich anders präsentiert sich Nederlandse Brouwers. Auch der niederländische Verband unterscheidet zwischen verantwortungsvollem Konsum und Alkoholmissbrauch, stellt aber weniger die Auseinandersetzung mit „No Safe Level“ als die praktische Prävention in den Mittelpunkt.

Die niederländischen Brauer haben 2018 gemeinsam mit der Regierung, gesellschaftlichen Organisationen und Unternehmen das Nationale Präventionsabkommen unterzeichnet. Ziel ist unter anderem, übermäßigen und schweren Alkoholkonsum zu reduzieren und den Konsum bei Minderjährigen und Schwangeren zurückzudrängen.

Dabei konzentriert sich die Branche auf konkrete Risikogruppen und Situationen. Studentenvereinigungen und Sportvereine spielen eine besondere Rolle. Hinzu kommen Jugendschutz, verantwortungsvolle Werbung und eine bessere Verfügbarkeit alkoholfreier Biere.

Nederlandse Brouwers formuliert ebenfalls Situationen, in denen vollständig auf Alkohol verzichtet werden sollte, darunter Schwangerschaft, Straßenverkehr und Minderjährigkeit. Für Erwachsene außerhalb solcher Situationen lautet die Botschaft dagegen, verantwortungsvoll und maßvoll zu trinken.

Interessant ist vor allem das Verhältnis zum Staat. Anders als die ausgesprochen konfrontative italienische Position setzt der niederländische Verband stark auf Zusammenarbeit zwischen Politik, gesellschaftlichen Organisationen und Wirtschaft.

Das bedeutet allerdings nicht, dass es keine Konflikte gibt. Als 2022 die Zusammenarbeit innerhalb des Präventionsabkommens ins Stocken geriet, kritisierte Nederlandse Brouwers ausdrücklich die aus seiner Sicht gegen Alkohol grundsätzlich eingestellte „Anti-Alkohollobby“. Die damalige Verbandsdirektorin Lucie Wigboldus argumentierte, eine Veränderung problematischer Konsummuster lasse sich durch gesellschaftliche Zusammenarbeit besser erreichen als durch staatlich verordnete Maßnahmen.

Großbritannien: Fokus auf die Minderheit mit schädlichem Konsum

Eine ähnliche Argumentationslinie verfolgt die British Beer & Pub Association (BBPA). Sie fordert die britische Regierung auf, gesundheitspolitische Maßnahmen gezielt auf Menschen auszurichten, die Alkohol in gesundheitsschädlichen Mengen konsumieren.

Im Juni 2025 erklärte der Verband im Vorfeld der britischen Gesundheitsstrategie, mehr als 80 Prozent der Bevölkerung konsumierten Alkohol innerhalb der staatlichen Richtlinien. Maßnahmen sollten sich deshalb auf die Minderheit konzentrieren, die in schädlichem Umfang trinke.

Die britische Argumentation unterscheidet sich damit deutlich von der schweizerischen oder italienischen. Die BBPA führt keinen grundsätzlichen Kampf gegen die „No Safe Level“-Formel, sondern argumentiert vor allem mit der Verhältnismäßigkeit politischer Maßnahmen.

Dazu kommt ein für Großbritannien besonders wichtiger Aspekt: die gesellschaftliche Rolle der Pubs. Die BBPA warnt davor, zusätzliche Belastungen könnten nicht nur Brauereien und Gastronomie wirtschaftlich treffen, sondern auch soziale Treffpunkte gefährden. Pubs werden ausdrücklich als Orte dargestellt, die Einsamkeit entgegenwirken und gesellschaftliche Kontakte fördern.

Auch alkoholfreies und alkoholarmes Bier ist ein zentraler Bestandteil dieser Argumentation. Die Branche verweist auf das stark gestiegene Angebot und sieht darin einen praktischen Weg, Menschen bei der Reduzierung ihres Alkoholkonsums zu unterstützen.

The Brewers of Europe: Schädlichen Konsum bekämpfen, nicht das Produkt

Über den nationalen Verbänden steht mit The Brewers of Europe eine Organisation, die Brauereiverbände und Unternehmen aus 28 europäischen Ländern und damit mehr als 10.000 Brauereien vertritt.

Ihre Position bildet gewissermaßen den gemeinsamen Nenner vieler nationaler Stellungnahmen.

Der Dachverband unterstützt Maßnahmen gegen Alkoholmissbrauch und insbesondere gegen Rauschtrinken und Alkoholkonsum Minderjähriger. Gleichzeitig vertritt er die Auffassung, dass moderater Bierkonsum für gesunde Erwachsene mit einem ausgewogenen Lebensstil vereinbar sein könne.

Im Vorfeld einer Beratung der EU-Gesundheitsminister im Juni 2025 formulierte The Brewers of Europe die politische Kernforderung besonders deutlich: Der Schwerpunkt müsse weiterhin auf dem schädlichen Gebrauch von Alkohol liegen und dürfe nicht darin bestehen, die Produkte als solche zu stigmatisieren.

Zugleich verweist der Verband auf rückläufige Zahlen bei verschiedenen Formen alkoholbedingter Schäden in Europa und auf den wachsenden Markt alkoholfreier Biere. Rund jedes fünfzehnte in der EU konsumierte Bier ist nach seinen Angaben inzwischen alkoholfrei.

Die europäischen Brauer stellen sich dabei nicht grundsätzlich gegen gesundheitspolitische Maßnahmen. Vielmehr wollen sie selbst Teil der Präventionspolitik sein – gemeinsam mit Regierungen, gesellschaftlichen Organisationen und anderen Beteiligten.

Ein gemeinsames Ziel, aber unterschiedliche Strategien

Beim Vergleich der Länder fällt auf, dass sich die Grundpositionen der Brauerverbände erstaunlich stark ähneln. Praktisch keiner der betrachteten Verbände bestreitet die Notwendigkeit, gegen Alkoholmissbrauch vorzugehen. Jugendschutz, die Verhinderung von Rauschtrinken, Alkohol am Steuer und Konsum während der Schwangerschaft werden ebenso unterstützt wie ein größeres Angebot alkoholfreier Alternativen.

Der entscheidende Konflikt beginnt an einer anderen Stelle: Die Verbände wenden sich dagegen, die Reduzierung gesundheitlicher Schäden mit einer generellen Reduzierung jeglichen Alkoholkonsums gleichzusetzen.

Wie sie darauf reagieren, hängt allerdings stark vom jeweiligen Land ab.

In Belgien steht die Abwehr konkreter regulatorischer Maßnahmen im Mittelpunkt. In der Schweiz entwickelt der Brauereiverband eine ausführliche Gegenposition zur gesundheitspolitischen und wissenschaftlichen Argumentation hinter „No Safe Level“. Der Deutsche Brauer-Bund formuliert seine Ablehnung von Null-Toleranz-Botschaften ungewöhnlich unmissverständlich und trägt diese Position unmittelbar an die Politik heran.

Italiens AssoBirra geht noch weiter und interpretiert die Entwicklung als internationalen politischen Richtungswechsel hin zu einem aus Sicht des Verbandes prohibitionistischen Ansatz. Die Niederländer setzen dagegen wesentlich stärker auf Kooperation, Selbstverpflichtungen und zielgruppenspezifische Prävention. In Großbritannien verbindet die BBPA ihre Forderung nach gezielten statt allgemeinen Maßnahmen zusätzlich mit der wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung der Pubkultur.

Der europäische Dachverband versucht schließlich, diese verschiedenen Ansätze unter einer gemeinsamen Formel zusammenzuführen: Bekämpft werden soll der schädliche Alkoholkonsum – nicht das alkoholische Getränk an sich.

Aus einzelnen nationalen Konflikten wird eine europäische Debatte

Gerade in der Zusammenschau zeigt sich deshalb, dass die Auseinandersetzungen in Belgien und der Schweiz keine isolierten Vorgänge sind. In mehreren europäischen Ländern beschäftigen sich Brauerverbände mit derselben grundlegenden Frage: Bleibt das politische Ziel die Verringerung des schädlichen Alkoholkonsums oder entwickelt sich die Gesundheitspolitik hin zu einer generellen Verringerung des Alkoholkonsums in der Bevölkerung?

Die Antworten der Verbände fallen unterschiedlich scharf aus. Zwischen dem kooperativen niederländischen Präventionsmodell und AssoBirras Warnung vor einem „prohibitionistischen Ansatz“ liegen erhebliche Unterschiede im Ton und in der politischen Strategie.

In einem Punkt besteht jedoch weitgehend Einigkeit: Die europäischen Brauer wollen die Trennlinie zwischen Alkoholmissbrauch und moderatem Konsum erhalten. Genau an dieser Trennlinie dürfte sich die Auseinandersetzung in den kommenden Jahren weiter zuspitzen. Denn wenn sich die gesundheitspolitische Betrachtung von der Bekämpfung schädlichen Konsums hin zur Verringerung des gesamten Alkoholkonsums verschiebt, geht es aus Sicht der Brauwirtschaft nicht mehr nur um Prävention. Dann stehen auch Kennzeichnung, Werbung, Besteuerung, Verfügbarkeit und letztlich die gesellschaftliche Stellung alkoholischer Getränke zur Diskussion.

Quellen:

Lobbyregister des Deutschen Bundestages

Jahresbericht AssoBirra

Nederlandse Brouwers

Brewers of Europe

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