Ein alkoholfreies Wiesnbier – warum eigentlich nicht? Auf dem Oktoberfest wird schließlich längst alkoholfreies Bier ausgeschenkt. Und der Markt für alkoholfreie Biere wächst. Trotzdem haben die Münchner Brauereien wenig Begeisterung für die Idee, eigens für die Wiesn ein alkoholfreies Festbier zu brauen.
Die Diskussion kommt zu einem durchaus passenden Zeitpunkt. Das Oktoberfest 2026 läuft, und alkoholfreies Bier ist längst keine Nischenerscheinung mehr. Auch auf der Wiesn greifen Besucher zunehmend zu Varianten ohne Alkohol. Warum also nicht ein Bier entwickeln, das nicht nur alkoholfrei ist, sondern auch ausdrücklich den Charakter eines Wiesnbiers trägt?
Genau diese Frage wurde den Verantwortlichen des Vereins Münchener Brauereien gestellt. Die Antwort fällt allerdings ziemlich eindeutig aus: eher nein.
Was macht ein Wiesnbier überhaupt zum Wiesnbier?
Der erste Einwand ist grundsätzlicher Natur. Wiesnbier ist nicht einfach irgendein helles Bier, das auf dem Oktoberfest ausgeschenkt wird. Die sechs Münchner Brauereien, die das Oktoberfest beliefern, brauen dafür ein eigenes Festbier. Es ist traditionell stärker eingebraut und weist eine höhere Stammwürze und einen höheren Alkoholgehalt auf als ein gewöhnliches Helles, Export- oder Lagerbier.
Für Martin Leibhard, Vorsitzender des Vereins Münchener Brauereien, ist ein alkoholfreies Wiesnbier deshalb sogar ein „logischer Widerspruch“. Wenn gerade der höhere Alkoholgehalt zu den charakteristischen Eigenschaften des Wiesnbiers gehört, stellt sich die Frage, was von diesem Charakter übrig bleibt, wenn der Alkohol anschließend wieder entfernt wird.
Das Argument ist zumindest nachvollziehbar. Ein alkoholfreies Bier kann selbstverständlich hervorragend schmecken. Aber muss es deshalb auch die Bezeichnung Wiesnbier tragen?
Alkoholfreies Bier gibt es auf der Wiesn bereits
Allerdings spricht auch einiges dafür, die Sache pragmatischer zu betrachten.
Denn alkoholfreies Bier gibt es auf dem Oktoberfest bereits heute. Die Festzelte bieten entsprechende Biere aus dem normalen Sortiment der Münchner Brauereien an. Die Stadt München weist für 2026 für zahlreiche Festhallen sogar konkrete Preise für alkoholfreies Bier aus. In mehreren großen Zelten kostet der Liter alkoholfreies Bier nach Angaben der Stadt München genauso viel wie eine Maß Festbier.
Es fehlt also nicht grundsätzlich an einer alkoholfreien Alternative. Was fehlt, ist ein eigenes Produkt mit dem Charakter und dem Namen eines Wiesnbiers.
Und genau darin könnte der Reiz liegen.
Ein alkoholfreies Wiesnbier könnte Menschen ansprechen, die zwar den Geschmack und die Atmosphäre eines Festbiers mögen, aber keinen Alkohol trinken möchten. Das könnten Autofahrer sein, Besucher, die später noch fahren müssen, Menschen, die bewusst auf Alkohol verzichten, oder einfach Gäste, die zwischen zwei Maß Bier einmal etwas ohne Alkohol trinken möchten.
Dazu kommt ein Marketingeffekt: Ein „Wiesnbier alkoholfrei“ wäre ein Produkt, das speziell mit dem Oktoberfest verbunden ist. Es wäre also mehr als nur ein weiteres alkoholfreies Helles im Sortiment.
Technik und Geschmack sind die nächsten Hürden
Die Münchner Brauereien sehen darin allerdings keinen ausreichenden Grund für eine eigene Produktion.
Technisch wäre ein alkoholfreies Wiesnbier durchaus möglich. Martin Leibhard erklärt, dass man ein Bier mit höherer Stammwürze brauen und anschließend den Alkohol wieder entziehen könne. Er sieht allerdings die Gefahr, dass der Geschmack darunter leidet. Hinzu kämen zusätzlicher technischer Aufwand und rechtliche Fragen.
Auch Andreas Maisberger, Geschäftsführer des Vereins Münchener Brauereien, sieht keinen großen qualitativen Vorteil darin, eigens ein Wiesnbier zu entalkoholisieren. Schließlich gebe es bereits hochwertige alkoholfreie Biere.
Damit stellt sich die vielleicht wichtigste Frage: Würde ein spezielles alkoholfreies Wiesnbier tatsächlich besser schmecken als ein bereits vorhandenes alkoholfreies Bier aus dem Sortiment?
Wenn die Antwort darauf nein lautet, wäre der zusätzliche Aufwand tatsächlich schwer zu begründen.
Alkoholfrei entwickelt sich trotzdem weiter
Dass die Münchner Brauereien die Idee eines eigenen alkoholfreien Wiesnbiers derzeit skeptisch sehen, bedeutet allerdings nicht, dass alkoholfreies Bier auf dem Oktoberfest keine Rolle spielt.
Im Gegenteil: Auch auf der Wiesn ist die Entwicklung des Marktes angekommen. Laut den aktuellen Angaben der Münchner Brauereien greifen die Gäste zunehmend zu alkoholfreien Varianten. Gleichzeitig zeigt die allgemeine Entwicklung der vergangenen Jahre, dass alkoholfreies Bier längst vom Nischenprodukt zum festen Bestandteil des Biermarktes geworden ist.
Interessanterweise hat München bei dieser Entwicklung sogar eine besondere Rolle gespielt. In den 1970er- und frühen 1980er-Jahren orientierten sich alkoholfreie Biere zunächst häufig an Pils und herberen Lagerbieren. Später entwickelten Münchner Braumeister alkoholfreie Weißbiere, die sich zu einem wichtigen Teil des Marktes entwickelten. Bei der Herstellung kommen heute sowohl Verfahren zur nachträglichen Entalkoholisierung als auch Methoden zum Einsatz, bei denen die Gärung entsprechend gesteuert beziehungsweise gestoppt wird.
Nette Idee oder unnötige Sonderedition?
Auch Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause wurde nach seiner Meinung zu einem alkoholfreien Wiesnbier gefragt. Seine Reaktion fiel deutlich weniger ablehnend aus: Er bezeichnete die Idee als „nette Idee“, verwies aber ebenfalls darauf, dass die Entscheidung bei den Brauereien liege.
Damit stehen sich zwei Sichtweisen gegenüber.
Die Brauereien argumentieren aus Sicht von Tradition, Produktqualität und Produktionsaufwand. Für sie ist Wiesnbier ein klar definierter Bier-Typ mit bestimmten Eigenschaften. Ein alkoholfreies Pendant würde einige dieser Eigenschaften zwangsläufig verändern.
Die andere Sichtweise lautet: Wenn sich die Trinkgewohnheiten verändern, warum sollte sich dann nicht auch die Wiesn weiterentwickeln? Schließlich ist alkoholfreies Bier längst etabliert. Und ein speziell für das Oktoberfest entwickeltes alkoholfreies Festbier könnte eine neue Zielgruppe ansprechen und gleichzeitig zeigen, dass Tradition und moderne Trinkgewohnheiten durchaus zusammenpassen können.
Vielleicht braucht die Wiesn also gar kein alkoholfreies Wiesnbier. Vielleicht wäre es aber auch genau das Produkt, das irgendwann ganz selbstverständlich zum Oktoberfest gehört.
Denn eines zeigt die aktuelle Diskussion ziemlich deutlich: Alkoholfreies Bier ist auf der Wiesn angekommen. Die Frage ist längst nicht mehr, ob es dort ausgeschenkt wird. Die spannendere Frage lautet, ob es irgendwann auch sein eigenes Wiesnbier bekommt.