Die Nachrichten aus der deutschen Brauwirtschaft waren in den vergangenen Monaten häufig von Insolvenzen, Betriebsschließungen und Rettungsversuchen geprägt. Eichbaum in Mannheim ist dafür nur das jüngste Beispiel. Doch wer ausschließlich auf die negativen Nachrichten schaut, bekommt ein unvollständiges Bild der deutschen Braubranche.
Denn trotz des schwierigen Marktumfelds wird investiert. Brauereien bauen neue Sudhäuser, modernisieren Abfüllanlagen, erweitern Produktionskapazitäten und entwickeln neue Produkte. Besonders das Geschäft mit alkoholfreien Bieren sorgt dabei für Bewegung.
Es ist also keineswegs so, dass die deutsche Brauwirtschaft kollektiv den Rückzug antritt. Einige Unternehmen stellen sich vielmehr mit erheblichen Investitionen auf die Veränderungen des Biermarktes ein.
Flensburger baut neues Sudhaus
Ein aktuelles Beispiel kommt aus dem hohen Norden. Die Flensburger Brauerei hat am 4. September das Richtfest für ihr neues Sudhaus gefeiert. Vor gut einem Jahr war auf dem Gelände der Spatenstich erfolgt, inzwischen steht das Gebäude.
Noch ist das Projekt nicht abgeschlossen. Im September soll das Dach montiert werden, im Oktober beginnt der Innenausbau. Anschließend folgen unter anderem die Installation der Braugefäße, Tanks und Steuerungstechnik. Die Inbetriebnahme ist für Januar 2027 vorgesehen.
Damit investiert die Flensburger Brauerei nicht lediglich in eine kosmetische Modernisierung. Ein neues Sudhaus gehört zu den zentralen Investitionen, die eine Brauerei überhaupt tätigen kann. Hier entsteht das neue Herzstück der Produktion.
Die Flensburger Brauerei beschäftigt derzeit rund 265 Mitarbeiter und gehört damit zu den größeren Privatbrauereien Deutschlands. Neben den klassischen Flensburger Bieren entwickelt das Unternehmen sein Sortiment ebenfalls weiter. Zu den jüngeren Produkten gehört unter anderem das Flensburger Strand-Lager 0,0.
Mehr als 100 Millionen Euro für Krombacher
Noch größer ist das Investitionsprojekt bei Krombacher. Die Brauerei arbeitet bereits seit Ende 2024 am umfangreichsten Umbauprojekt ihrer Unternehmensgeschichte. Mehr als 100 Millionen Euro fließen in die Modernisierung von Abfüllung und Logistik am Standort Krombach. Dabei geht es unter anderem um die Versorgung mit Leergut, Sortieranlagen und die Modernisierung der Abfülltechnik.
Der erste Bauabschnitt ist bereits abgeschlossen. Mehrere neue Anlagen zur Glasversorgung sowie moderne Sortier- und Beladesysteme wurden installiert. Ab Herbst 2026 soll mit dem nächsten großen Bauabschnitt die eigentliche Abfülltechnik modernisiert werden.
Bemerkenswert ist dabei, dass die Arbeiten bei laufender Produktion stattfinden. Die Brauerei baut also nicht einfach eine neue Produktionsstätte und wartet anschließend auf deren Inbetriebnahme, sondern erneuert ihre bestehende Infrastruktur Schritt für Schritt.
Auch bei der Krombacher-Gruppe zeigt sich, wo ein Teil der Zukunft des Biergeschäfts liegen könnte: im alkoholfreien Segment. Die alkoholfreien Produkte der Dachmarke entwickelten sich bereits 2025 zum wichtigsten Wachstumstreiber. Im Mai 2026 brachte Krombacher zudem sein o,0% Pils erstmals auch für den Fassauschank in der Gastronomie auf den Markt.
Auch Bitburger investiert kräftig
Auch die Bitburger Braugruppe setzt trotz rückläufigem Absatz auf Wachstum und Modernisierung.
Das Unternehmen hat die umfassende Modernisierung seiner Abfüllanlage in Lich abgeschlossen. Für die kommenden Jahre ist darüber hinaus ein Investitionsvolumen von mehr als 80 Millionen Euro vorgesehen.
Ein wichtiger Bestandteil des Programms ist der Standort Duisburg. Dort soll ein neues Sudhaus entstehen. Bitburger verbindet die Investitionen ausdrücklich mit dem Anspruch, die Wettbewerbsfähigkeit der Braugruppe in einem sich verändernden und konsolidierenden Biermarkt zu sichern.
Interessant ist auch hier der Blick auf das alkoholfreie Sortiment. Die Bitburger-0,0%-Range konnte 2025 ihren Umsatz um mehr als zwölf Prozent steigern. Die Variante Bitburger Herb 0,0% legte sogar um mehr als 36 Prozent zu.
Damit wird deutlich, dass Investitionen und Produktentwicklung nicht unabhängig voneinander betrachtet werden können. Die Brauereien müssen ihre Anlagen modernisieren, wenn sie auf veränderte Nachfrage reagieren wollen. Alkoholfrei ist längst kein Nischenprodukt mehr
Dass sich diese Investitionen lohnen könnten, zeigt die Entwicklung des alkoholfreien Bieres.
Nach Angaben des Deutschen Brauer-Bundes wurden 2025 in Deutschland rund 750 Millionen Liter alkoholfreies Bier hergestellt. Das entspricht einem Zuwachs von 7,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Innerhalb von zwei Jahrzehnten hat sich die Produktion damit mehr als verdoppelt.
Beim Umsatz im deutschen Handel überschritten alkoholfreie Biere und Biermischgetränke 2025 erstmals die Zehn-Prozent-Marke. Das alkoholfreie Bier hat sich damit endgültig aus seiner früheren Nische herausentwickelt.
Auch ein Blick auf den European Beer Star 2026 bestätigt diese Entwicklung. In diesem Jahr wurden 2.274 Biere aus 48 Ländern zum Wettbewerb eingereicht. Der Anteil alkoholfreier Biere und Biermischgetränke lag bei zwölf Prozent der Anmeldungen – so hoch wie noch nie.
Das ist nicht nur eine interessante Zahl für einen Bierwettbewerb. Sie zeigt, dass die Entwicklung inzwischen auch bei den Brauern selbst angekommen ist. Alkoholfreies Bier wird nicht mehr lediglich als Ergänzung zum klassischen Sortiment betrachtet, sondern als eigenständiges und zunehmend wichtiges Segment.
Investieren statt abwarten
Selbstverständlich darf man diese Entwicklung nicht schönreden. Der deutsche Biermarkt steht weiterhin unter erheblichem Druck. Der Bierabsatz ist rückläufig, die Kosten für Energie, Rohstoffe und Logistik sind hoch und die Konsumzurückhaltung belastet sowohl Handel als auch Gastronomie.
Der Deutsche Brauer-Bund beziffert die Zahl der deutschen Brauereien für 2025 auf 1.415. Seit dem Höchststand von 1.552 Betrieben im Jahr 2019 sind damit 137 Brauereien verschwunden.
Gerade deshalb sind die aktuellen Investitionen interessant. Sie zeigen, dass die Reaktion der Branche nicht überall gleich aussieht.
Während einige Brauereien angesichts sinkender Absätze aufgeben müssen, investieren andere erhebliche Summen in ihre Standorte. Sie versuchen, effizienter zu produzieren, ihre Anlagen zu modernisieren und neue Marktsegmente zu erschließen.
Das gilt auch für kleinere und mittelständische Unternehmen. Ein Beispiel dafür ist die Entwicklung bei der Krombacher-Tochter Mineralquellen Germete. Dort wurden seit 2024 nach Angaben des Unternehmens mehr als 17 Millionen Euro in die Modernisierung und Erweiterung des Standorts investiert. Für 2026 ist ein weiterer Millionenbetrag vorgesehen. Gleichzeitig wurde die Belegschaft in den vergangenen Jahren deutlich erweitert.
Die deutsche Brauwirtschaft ist also nicht nur Krisenbranche. Vielleicht ist genau das die Nachricht, die in der gegenwärtigen Diskussion über Bier etwas zu kurz kommt. Ja, es gibt Insolvenzen. Ja, traditionelle Brauereistandorte verschwinden. Ja, der Bierkonsum in Deutschland geht zurück. Aber gleichzeitig entstehen neue Sudhäuser, Abfüllanlagen werden für Millionenbeträge modernisiert und Brauereien entwickeln ihre Produktion weiter. Vor allem das alkoholfreie Bier eröffnet Unternehmen neue Möglichkeiten.
Die Investitionen von Flensburger, Krombacher und Bitburger sind dabei keine Garantie für den Erfolg. Niemand kann heute sagen, ob sich jede dieser Investitionen langfristig auszahlen wird. Sie sind aber ein deutliches Signal dafür, dass zumindest ein Teil der Branche nicht davon ausgeht, dass die Zukunft des Bieres bereits geschrieben ist. Vielleicht verändert sie sich einfach.
Weniger klassisches Bier, mehr alkoholfreie Varianten, effizientere Produktion und eine größere Vielfalt könnten dabei einige der Antworten sein, mit denen sich die Brauereien auf den neuen Markt einstellen.
Und das ist – zwischen all den Meldungen über Insolvenzen und Betriebsschließungen – tatsächlich einmal eine etwas erfreulichere Nachricht aus der Welt des Bieres.