Kveik: Vom Geheimtipp norwegischer Farmbrauer zur Kulthefe der Craftbier-Szene
Kaum eine Bierhefe hat in den vergangenen zehn Jahren für so viel Aufmerksamkeit gesorgt wie Kveik. Was einst nur in den abgelegenen Farmhausbrauereien Westnorwegens bekannt war, entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit zu einem weltweiten Trend in der Craftbier-Szene. Heute ist der große Hype zwar abgeklungen – doch die außergewöhnliche Hefe hat sich längst als fester Bestandteil der modernen Brauwelt etabliert.
Der Ursprung von Kveik liegt in den traditionellen Farmhausbrauereien Norwegens. Über Generationen hinweg bewahrten Bauern ihre Hefekulturen auf Holzringen oder anderen Trägern auf und verwendeten sie immer wieder für ihre eigenen Biere. Diese Brautradition blieb außerhalb Skandinaviens jedoch lange nahezu unbekannt.
Erst 2016 änderte sich das schlagartig. Der norwegische Bierautor Lars Marius Garshol veröffentlichte umfangreiche Recherchen über die noch lebendige Farmhausbraukultur in Westnorwegen. Seine Arbeiten machten deutlich, dass dort nicht nur alte Brautraditionen überlebt hatten, sondern auch eine Hefefamilie, die sich deutlich von den bekannten Brauhefen unterschied.
Eine Hefe mit außergewöhnlichen Eigenschaften
Besonders die technischen Eigenschaften machten Kveik für Hobby- und Profibrauer gleichermaßen interessant. Während klassische Ale-Hefen meist bei Temperaturen um 18 bis 22 Grad Celsius vergären, arbeitet Kveik auch bei deutlich höheren Temperaturen zuverlässig und produziert dabei überraschend saubere Aromen.
Hinzu kommt eine außergewöhnlich schnelle Gärung. Viele Kveik-Stämme beginnen bereits kurz nach dem Anstellen mit ihrer Arbeit und vergären die Würze oft innerhalb weniger Tage. Auch Starterkulturen sind in vielen Fällen nicht notwendig, und selbst geringe Hefemengen reichen häufig für eine vollständige Gärung aus.
Gerade Brauereien in warmen Klimazonen profitierten von diesen Eigenschaften. Die aufwendige Kühlung der Gärtanks wurde weniger kritisch, gleichzeitig verkürzten sich die Produktionszeiten.
Vom Farmhouse Ale bis zum IPA
Zunächst fand Kveik vor allem bei Brauern Anklang, die traditionelle skandinavische Bierstile möglichst authentisch nachbrauen wollten. Schnell entdeckten jedoch auch Craftbrauereien das Potenzial der Hefe für moderne Bierstile.
So entstanden zahlreiche Kveik-IPAs, Imperial Stouts, Barley Wines oder experimentelle Sauerbiere. Je nach verwendetem Kveik-Stamm entwickelten die Biere fruchtige Aromen, die an Orange, Zitrusfrüchte, Pfirsich oder Steinobst erinnern können und hervorragend mit modernen Aromahopfen harmonieren.
Dabei zeigte sich auch, dass Kveik keineswegs eine einzelne Hefe ist. Vielmehr handelt es sich um eine ganze Familie genetisch verwandter Hefestämme, die sich teilweise deutlich in ihrem Aromaprofil unterscheiden. Traditionell bestanden viele dieser Kulturen sogar aus mehreren Hefestämmen gleichzeitig.
Der große Hype ist vorbei
Zwischen 2018 und 2020 schien Kveik nahezu überall präsent zu sein. Eigene Kveik-Bierfestivals entstanden, zahlreiche Hefelabore nahmen verschiedene Stämme in ihr Sortiment auf, und kaum eine Craftbrauerei verzichtete auf Experimente mit der norwegischen Kulthefe.
Heute ist es ruhiger geworden. Viele Brauereien sind wieder zu ihren bewährten Hefen zurückgekehrt, und Kveik steht längst nicht mehr so stark im Mittelpunkt wie noch vor einigen Jahren. Dennoch wird sie weiterhin erfolgreich eingesetzt und überzeugt dort, wo ihre besonderen Eigenschaften einen echten Vorteil bieten.
In Norwegen blieb alles beim Alten
Während Kveik international Karriere machte, änderte sich in ihrer Heimat erstaunlich wenig. In den abgelegenen Regionen Westnorwegens wird noch immer nach traditionellen Methoden gebraut. Für die dortigen Farmbrauer war Kveik nie ein Trend, sondern schlicht ein selbstverständlicher Bestandteil ihrer jahrhundertealten Braukultur.
Eine wichtige Rolle spielt dabei das Kornølfestival in Hornindal. Das jährlich stattfindende Festival bringt Farmbrauer, Bierhistoriker und Bierliebhaber zusammen und gilt als einer der wenigen Orte, an denen sich die ursprünglichen norwegischen Farmhouse-Biere in ihrer ganzen Vielfalt erleben lassen.
Kveik zeigt eindrucksvoll, dass alte Brautraditionen auch in der modernen Craftbier-Welt ihren Platz haben können. Der große Hype mag vorbei sein – ihre Bedeutung für die Braukultur und die Hefeforschung bleibt jedoch ungebrochen.
Dieser Artikel erschien mit Material von www.vinepair.com.