Bierbrauen ist eine energieintensive Angelegenheit. Wasser muss erhitzt werden, Würze gekocht, Bier pasteurisiert oder Flaschen gereinigt werden. Gleichzeitig sind Energie, Wasser und andere Rohstoffe in den vergangenen Jahren deutlich teurer geworden. Für Brauereien stellt sich deshalb nicht nur die Frage, wie sie ihre Produktion klimafreundlicher gestalten können. Es geht ganz konkret auch darum, wie sich Kosten senken und die Wettbewerbsfähigkeit sichern lassen.
Ein aktuelles Projekt in Nordrhein-Westfalen zeigt, welche Möglichkeiten es dafür gibt. Unter dem Titel „Brauerei der Zukunft“ haben sieben Brauereien aus NRW gemeinsam mit NRW.Energy4Climate und der Effizienz-Agentur NRW untersucht, wie Bier künftig energie- und ressourcenschonender hergestellt werden kann.
Auf das Projekt aufmerksam geworden sind wir durch einen Bericht von RTL West vom 30. September 2026. Für diesen Artikel haben wir jedoch nicht nur den RTL-Bericht ausgewertet, sondern vor allem die aktuellen Veröffentlichungen der Effizienz-Agentur NRW und von NRW.Energy4Climate herangezogen. Dort finden sich zahlreiche zusätzliche Informationen und konkrete Beispiele aus den beteiligten Betrieben.
Wenn Bierbrauen zur Energiefrage wird
Brauereien gehören zu den Produktionsbetrieben, bei denen große Mengen Wärme benötigt werden. Erhitzen, Pasteurisieren, Sterilisieren und Reinigen gehören zu den Arbeitsschritten, bei denen Energie eingesetzt wird. Nach Angaben der Effizienz-Agentur NRW wird diese thermische Energie derzeit noch überwiegend mit Erdgas erzeugt.
Das macht die Betriebe gleich mehrfach abhängig: von den Preisen fossiler Energieträger, von deren Verfügbarkeit und von den gesetzlichen und wirtschaftlichen Anforderungen an die Reduzierung von Treibhausgasemissionen.
In Nordrhein-Westfalen ist das Thema besonders relevant. Nach Angaben von NRW.Energy4Climate gibt es im Land rund 130 Braustätten, von denen viele mittelständisch geprägt sind. Gerade kleinere und mittlere Betriebe können Preisschwankungen bei Energie und Rohstoffen besonders deutlich zu spüren bekommen.
Die Idee hinter dem Projekt „Brauerei der Zukunft“ war deshalb nicht, eine einzelne technische Lösung für alle Brauereien zu entwickeln. Vielmehr entstand ein Baukastensystem, das unterschiedliche Möglichkeiten betrachtet und an die jeweiligen Bedingungen eines Betriebes angepasst werden kann.
Sieben Brauereien arbeiten gemeinsam an Lösungen
An dem Projekt beteiligen sich sieben Brauereien aus Nordrhein-Westfalen. Dazu gehören die Privatbrauerei Jacob Stauder aus Essen, die Familienbrauerei Moritz Fiege aus Bochum, die Privat-Brauerei Strate aus Detmold, die Privatbrauerei Ernst Barre aus Lübbecke, die Privat-Brauerei Hohenfelde aus Langenberg und die Erzquell Brauerei aus Wiehl-Bielstein.
Auch die Gehring-Bunte Getränkeindustrie aus Bielefeld ist in der aktuellen Projektkommunikation als Mitwirkende genannt. Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine Brauerei, sondern um einen Getränkeabfüller. Das erklärt auch, warum die aktuelle Projektbeschreibung von sieben Brauereien spricht.
Das Projekt ist über mehrere Jahre entstanden. Bereits während der Workshops ging es darum, unterschiedliche Technologien zu untersuchen und deren Einsatzmöglichkeiten für Brauereien zu bewerten. Dabei wurden nicht nur Energieverbrauch und Klimawirkung betrachtet. Ebenso wichtig waren Kosten, technische Voraussetzungen und die Frage, ob eine Lösung für einen mittelständischen Betrieb tatsächlich praktikabel ist.
Moritz Fiege zeigt, was bereits heute möglich ist
Ein besonders anschauliches Beispiel kommt aus Bochum. Die Familienbrauerei Moritz Fiege hat eine neue Flaschenwaschmaschine für Bügelverschlussflaschen eingesetzt. Das klingt zunächst nach einem Detail aus dem Produktionsalltag. Tatsächlich steckt darin aber ein erhebliches Einsparpotenzial. Nach Angaben der Effizienz-Agentur NRW benötigt die neue Anlage im Vergleich zur alten Technik mehr als zwei Drittel weniger Wasser und Strom. Beim Dampfverbrauch werden 50 Prozent eingespart.
Gleichzeitig wurde die Effizienz bei der Ausbringung gesteigert. Auch die Bedienungsfreundlichkeit für die Beschäftigten konnte verbessert werden. Das Beispiel zeigt, worum es bei der „Brauerei der Zukunft“ geht: Klimaschutz muss nicht zwangsläufig bedeuten, eine komplette Brauerei von Grund auf neu zu bauen. Schon einzelne Produktionsschritte können erhebliche Einsparungen ermöglichen.
Fiege arbeitet außerdem mit einem CO₂-Bilanzierungstool. Dadurch sollen die sogenannten CO₂-Treiber im Unternehmen sichtbar werden. Erst wenn bekannt ist, an welchen Stellen besonders viele Emissionen entstehen, lässt sich entscheiden, welche Maßnahmen besonders sinnvoll sind.
CO₂ wird damit zunehmend zu einer weiteren Größe, die bei unternehmerischen Entscheidungen berücksichtigt werden muss.
Auch beim Abfüllen lässt sich Energie sparen
Ein weiteres Beispiel liefert die Essener Privatbrauerei Jacob Stauder. Das Unternehmen hat in eine stromsparende Abfüllanlage investiert und erzeugt außerdem eigenen Solarstrom. Damit wird deutlich, dass die Transformation nicht nur bei der Wärmeerzeugung ansetzt. Auch Stromverbrauch, Eigenversorgung und die technische Ausstattung der Produktionsanlagen spielen eine Rolle.
Für Brauereien ist das besonders interessant, weil die benötigte Energie nicht zu jedem Zeitpunkt gleich anfällt. Eine eigene Photovoltaikanlage produziert beispielsweise vor allem tagsüber und abhängig von der Sonneneinstrahlung. Produktion und Energieerzeugung müssen deshalb möglichst gut aufeinander abgestimmt werden.
Damit kommen wiederum Speicher und ein intelligentes Energiemanagement ins Spiel.
Pott’s setzt auf Wärmerückgewinnung und Energiespeicher
Bei der Pott’s Brauerei in Oelde wird unter anderem auf lokal beschaffte Rohstoffe, Wärmerückgewinnung und Energiespeicher gesetzt. Gerade die Wärmerückgewinnung ist für Brauereien interessant. Bei vielen Produktionsprozessen entsteht Wärme, die nicht einfach ungenutzt verloren gehen muss. Wird diese Wärme zurückgewonnen und an anderer Stelle im Betrieb eingesetzt, lässt sich der Energiebedarf reduzieren.
Damit schließt sich ein Kreis, der für die „Brauerei der Zukunft“ entscheidend ist: Bevor eine Brauerei darüber nachdenkt, wie sie ihren gesamten Energiebedarf mit erneuerbaren Energien deckt, sollte sie zunächst prüfen, wo sich der Bedarf überhaupt reduzieren lässt.
Erst Effizienz, dann neue Energiequellen
Genau diese Reihenfolge zieht sich durch die Veröffentlichungen der Effizienz-Agentur NRW und von NRW.Energy4Climate. Die fünfteilige Publikationsreihe „Brauerei der Zukunft“ beginnt deshalb nicht mit Windrädern oder Wasserstoff. Der erste Schritt ist die Analyse des Ist-Zustands und die Entwicklung eines Transformationsplans.
Danach geht es um Effizienzpotenziale. Erst anschließend werden Möglichkeiten zur klimaneutralen Wärmeversorgung und eine zukunftsfähige Stromversorgung betrachtet. Den Abschluss bilden Fragen der Finanzierung und Förderung.
Das klingt zunächst nach einem eher technischen Vorgehen. Für eine Brauerei ist es aber durchaus logisch: Wer weniger Energie benötigt, muss weniger Energie erzeugen oder einkaufen. Jede eingesparte Kilowattstunde muss nicht ersetzt werden.
Was kommt anstelle von Erdgas?
Die Wärmeversorgung ist eine der größten Herausforderungen auf dem Weg zur klimaneutralen Brauerei. Bisher spielt Erdgas bei vielen thermischen Produktionsprozessen eine wichtige Rolle. Die Projektbeteiligten untersuchen deshalb verschiedene Alternativen. Dazu gehören unter anderem Wärmepumpen, Solarthermie und Geothermie. Auch Strom- und Wärmespeicher können eine Rolle spielen. Hinzu kommen Möglichkeiten wie Biomasse, Nah- und Fernwärme, Photovoltaik, Windenergie und Wasserstoff.
Dabei gibt es allerdings nicht die eine Technologie, die für jede Brauerei funktioniert.
Eine Brauerei benötigt beispielsweise an verschiedenen Stellen unterschiedlich hohe Temperaturen. Auch die örtlichen Gegebenheiten unterscheiden sich erheblich. Während an einem Standort eine große Photovoltaikanlage sinnvoll sein kann, könnte an einem anderen Standort die Nutzung von Geothermie oder die Einbindung eines Wärmenetzes interessanter sein.
Genau deshalb setzt das Projekt auf einen Baukasten verschiedener Möglichkeiten.
Hochtemperatur-Wärmepumpen, Geothermie und Solarthermie
Besonders interessant sind Technologien, die bislang nicht unbedingt mit einer klassischen Brauerei verbunden werden.
Hochtemperatur-Wärmepumpen können beispielsweise dazu beitragen, fossile Brennstoffe bei der Bereitstellung von Prozesswärme zu ersetzen. Geothermie kann je nach Standort als Wärmequelle dienen. Solarthermie wiederum kann Sonnenenergie direkt für die Wärmeerzeugung nutzbar machen.
Auch Speicher werden wichtiger. Denn erneuerbare Energie steht nicht zwangsläufig genau dann zur Verfügung, wenn sie in der Produktion gebraucht wird.
Eine Brauerei der Zukunft wird deshalb nicht nur eine andere Energiequelle benötigen. Sie muss auch überlegen, wie Energie erzeugt, gespeichert, verteilt und möglichst effizient genutzt wird.
Digitalisierung und künstliche Intelligenz gehören ebenfalls dazu
Das Projekt beschränkt sich zudem nicht auf klassische Energietechnik.
Bereits in den Workshops wurden auch Digitalisierung und künstliche Intelligenz betrachtet. Eine bessere Datengrundlage kann dabei helfen, Energie- und Ressourcenverbräuche genauer zu analysieren und Produktionsprozesse besser aufeinander abzustimmen.
Damit verändert sich auch die Rolle von Daten in der Brauerei. Es reicht künftig möglicherweise nicht mehr aus, lediglich den Gesamtenergieverbrauch eines Betriebes zu kennen. Interessanter ist die Frage, wann, wo und warum Energie benötigt wird. Je genauer diese Zusammenhänge bekannt sind, desto gezielter können Maßnahmen geplant werden.
Klimaschutz und Kostensenkung gehen Hand in Hand
Bemerkenswert an dem Projekt ist, dass Klimaschutz nicht isoliert betrachtet wird. Die beteiligten Institutionen betonen ausdrücklich, dass Effizienzmaßnahmen nicht nur Ressourcen und Emissionen reduzieren, sondern auch Kosten senken können. Gerade angesichts der hohen Energiepreise ist das für Brauereien ein wichtiger Punkt.
Die Investition in eine effizientere Anlage ist damit nicht ausschließlich eine Umweltmaßnahme. Sie kann sich gleichzeitig auf die Produktionskosten auswirken. Das Beispiel der Flaschenwaschmaschine bei Fiege macht diesen Zusammenhang besonders deutlich. Weniger Wasser, weniger Strom und weniger Dampf bedeuten gleichzeitig einen geringeren Verbrauch von Ressourcen und Energie.
Von Brauereien für Brauereien
Ein wichtiger Bestandteil des Projekts ist der Austausch zwischen den beteiligten Unternehmen. Brauereien konkurrieren zwar auf dem Markt miteinander. Bei Fragen der Energieeffizienz und der technischen Transformation können sie aber voneinander lernen.
Genau diesen Erfahrungsaustausch hebt auch die Geschäftsführerin der Familienbrauerei Moritz Fiege, Carla Fiege, hervor. Die beteiligten Unternehmen verstehen sich bei der Transformation der Branche demnach nicht nur als Konkurrenten, sondern auch als Partner, die Erfahrungen teilen und voneinander lernen.
Das ist insbesondere für kleinere Brauereien interessant. Nicht jeder Betrieb kann eigene umfangreiche Forschungs- und Entwicklungsabteilungen unterhalten. Wenn Erfahrungen aus bereits umgesetzten Projekten zugänglich sind, können andere Unternehmen möglicherweise schneller beurteilen, welche Maßnahmen für den eigenen Standort sinnvoll sein könnten.
Die Ergebnisse sollen nicht in den beteiligten Brauereien bleiben
Das Projekt ist ausdrücklich nicht als exklusives Entwicklungsprogramm für die beteiligten Unternehmen gedacht. Die Erkenntnisse wurden in einer fünfteiligen Publikationsreihe zusammengefasst. Die Leitfäden sollen Brauereien und andere mittelständische Produktionsunternehmen dabei unterstützen, ihre Transformation systematisch zu planen.
Damit wird aus dem Projekt „Brauerei der Zukunft“ mehr als eine Sammlung von Einzelmaßnahmen. Es entsteht ein Leitfaden, der vom Erfassen des eigenen Ausgangszustands über Effizienzmaßnahmen bis hin zur Wärme- und Stromversorgung sowie zur Finanzierung reicht.
Und genau darin liegt möglicherweise die wichtigste Erkenntnis des Projekts: Die klimaneutrale Brauerei wird nicht durch eine einzelne spektakuläre Technologie entstehen. Sie wird aus vielen miteinander verbundenen Maßnahmen bestehen.
Die Brauerei der Zukunft wird Schritt für Schritt entstehen
Die sieben beteiligten Brauereien zeigen bereits heute, was möglich ist. Eine neue Flaschenwaschmaschine, eine effizientere Abfüllanlage, Photovoltaik, Wärmerückgewinnung oder Energiespeicher sind einzelne Bausteine.
Andere Technologien befinden sich noch in der Prüfung oder müssen an die Bedingungen des jeweiligen Standortes angepasst werden.
Der Weg zur klimaneutralen Brauerei dürfte deshalb für jeden Betrieb etwas anders aussehen. Gemeinsam ist den Ansätzen aber ein Grundprinzip: Zuerst müssen Energie- und Ressourcenverbrauch möglichst weit reduziert werden. Anschließend gilt es, die verbleibenden Energiebedarfe möglichst klimaneutral zu decken.
Für die Brauereien in Nordrhein-Westfalen ist das nicht nur eine Frage des Klimaschutzes. Es geht ebenso um langfristig kalkulierbare Energiekosten, geringere Abhängigkeiten von fossilen Energieträgern und die Zukunftsfähigkeit mittelständischer Produktionsstandorte.
Das Bier der Zukunft könnte deshalb nicht nur klimafreundlicher, sondern unter bestimmten Voraussetzungen auch günstiger zu produzieren sein.
Das sind die nächsten Themen
Das Projekt „Brauerei der Zukunft“ liefert weit mehr Stoff, als in einen einzelnen Artikel passt. Deshalb werden wir uns bei Bierzirkus.de noch ausführlicher mit einzelnen Aspekten beschäftigen.
Geplant sind derzeit folgende Beiträge:
- Der Weg zum Transformationsplan: Wie eine Brauerei ihren Energie- und Ressourcenverbrauch analysiert und daraus konkrete Ziele ableitet
- Effizienzpotenziale heben: Wo Brauereien Energie und Ressourcen einsparen können, bevor sie neue Energiequellen erschließen
- Klimaneutrale Prozesswärme: Welche Technologien Erdgas bei den Wärmeprozessen einer Brauerei ersetzen können
- Stromversorgung der Zukunft: Photovoltaik, Windenergie, Speicher und weitere Möglichkeiten für eine zukunftsfähige Energieversorgung
- Förderung und Finanzierung: Wie sich die notwendigen Investitionen in die Transformation finanzieren lassen
Die Reihenfolge und die Themen können sich bei der weiteren Beschäftigung mit den Unterlagen noch ändern. Die einzelnen Beiträge werden später an dieser Stelle miteinander verknüpft.
Quellenbasis: Dieser Artikel stützt sich vor allem auf die aktuelle Projektmeldung der Effizienz-Agentur NRW vom 30. September 2026 sowie die fünf Leitfäden der Reihe „Brauerei der Zukunft“. Die Effizienz-Agentur nennt dort ausdrücklich die sieben beteiligten Brauereien und die konkreten Beispiele Fiege, Stauder und Pott’s. Die fünf Leitfäden behandeln Transformationsplanung, Effizienzpotenziale, klimaneutrale Prozesswärme, Stromversorgung sowie Förderung und Finanzierung.