Alkoholfreies Bier ist in Deutschland längst keine Nischenerscheinung mehr. Auch alkoholfreier Wein und alkoholfreier Sekt gewinnen zunehmend an Bedeutung. Dahinter stehen veränderte Trinkgewohnheiten, ein stärkerer Gesundheitsfokus und der Wunsch vieler Verbraucher, alkoholische Getränke nicht mehr bei jeder Gelegenheit konsumieren zu müssen.
Für diese Entwicklung hat sich in den vergangenen Jahren der Begriff „Mindful Drinking“ etabliert. Gemeint ist ein bewussterer Umgang mit Alkohol – von der gelegentlichen Entscheidung für ein alkoholfreies Getränk bis hin zu einem weitgehenden oder vollständigen Verzicht.
Dabei geht es nicht unbedingt darum, Genuss abzuschaffen. Vielmehr verändert sich die Frage, was bei einer Gelegenheit im Glas landet.
Alkoholfrei wächst bei Bier und Wein
Besonders deutlich lässt sich diese Entwicklung am Biermarkt beobachten. Nach Angaben des Deutschen Brauer-Bundes und auf Basis von NielsenIQ-Daten haben alkoholfreie Biere und Biermischgetränke 2025 im Handel erstmals beim Umsatz die Marke von zehn Prozent überschritten. Im April 2026 sprach der Verband von einem Anteil von rund elf Prozent am gesamten Bierkonsum. Gleichzeitig wurden 2025 in Deutschland rund 750 Millionen Liter alkoholfreies Bier hergestellt – 7,6 Prozent mehr als im Vorjahr.
Damit gehört alkoholfreies Bier inzwischen zu den wichtigsten Wachstumsbereichen der deutschen Brauwirtschaft. Während der Absatz von alkoholhaltigem Bier seit Jahren unter Druck steht, entwickelt sich das alkoholfreie Segment in die andere Richtung. Der Deutsche Brauer-Bund bezeichnet alkoholfreie Biere inzwischen als zentralen Wachstumstreiber der Branche.
Beim Wein ist die Entwicklung jünger, aber ebenfalls deutlich. Das Deutsche Weininstitut meldete bereits für 2024 einen Anstieg der Einkaufsmenge alkoholfreier Weine um 86 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Käuferbasis wuchs um 17 Prozent. Nach einer weiteren, auf NielsenIQ-Daten basierenden Auswertung stieg 2025 die Zahl der deutschen Haushalte, die alkoholfreien Wein kauften, noch einmal um 44 Prozent. Absatzmenge und Umsatz der Kategorie legten jeweils um rund 25 Prozent zu.
Der Unterschied zwischen den beiden Kategorien ist damit vor allem einer des Entwicklungsstands: Während alkoholfreies Bier inzwischen einen erheblichen Teil des Biermarktes ausmacht, bleibt alkoholfreier Wein ein deutlich kleineres Segment – wächst allerdings dynamisch.
Bewusster Verzicht statt Verzicht auf Genuss
„Mindful Drinking“ beschreibt dabei weniger eine bestimmte Produktkategorie als eine veränderte Einstellung zum Alkoholkonsum. Nicht jedes Glas Wein oder Bier muss automatisch alkoholhaltig sein. Das kann bedeuten, während einer Woche bewusst auf Alkohol zu verzichten, bei einer Feier zwischen alkoholischen und alkoholfreien Getränken zu wechseln oder generell häufiger alkoholfreie Produkte zu wählen.
Der entscheidende Unterschied liegt damit zwischen dem früher häufig empfundenen „Verzicht“ und einer bewussten Auswahl.
Das erklärt auch, weshalb sich die alkoholfreien Angebote verändert haben. Früher war die Auswahl bei Bier überschaubar und alkoholfreie Weinprodukte hatten vielfach mit dem Vorwurf zu kämpfen, geschmacklich nicht mit ihren alkoholhaltigen Vorbildern mithalten zu können. Inzwischen ist das Angebot deutlich größer.
Bei Bier reicht das Spektrum von Pils und Hellem über Weizenbier und Radler bis zu alkoholfreien Varianten verschiedener Spezialitäten. Der Deutsche Brauer-Bund nennt inzwischen mehr als 800 alkoholfreie Biermarken, die nach dem Reinheitsgebot gebraut werden.
Auch beim Wein hat sich die technische Qualität weiterentwickelt. Das Deutsche Weininstitut führt die steigende Wiederkaufrate unter anderem auf Verbesserungen bei den Produktqualitäten zurück.
Damit wird eine wichtige Voraussetzung für dauerhaftes Wachstum erfüllt: Wer ein alkoholfreies Getränk ausprobiert und mit dem Geschmack zufrieden ist, hat einen Grund, es erneut zu kaufen.
Gesundheit ist ein wichtiger Faktor – aber alkoholfrei bedeutet nicht automatisch gesund
Gesundheit spielt bei der Diskussion über einen bewussteren Umgang mit Alkohol eine Rolle. Dabei lohnt sich allerdings eine klare Unterscheidung. Der wesentliche gesundheitliche Vorteil eines alkoholfreien Getränks gegenüber seinem alkoholhaltigen Pendant besteht darin, dass der Alkohol als gesundheitlicher Risikofaktor entfällt. Die Weltgesundheitsorganisation weist darauf hin, dass es hinsichtlich des Krebsrisikos keinen gesundheitlich unbedenklichen Alkoholkonsum gibt und dass das Risiko mit zunehmendem Konsum steigt.
Daraus lässt sich allerdings nicht automatisch ableiten, dass jedes alkoholfreie Getränk ein gesundes Lebensmittel ist. Auch alkoholfreie Biere, Weine und Sekte können Zucker, Kalorien oder andere ernährungsphysiologisch relevante Bestandteile enthalten.
Gerade bei alkoholfreiem Wein kann der Geschmack zudem durch die Zusammensetzung des Getränks beeinflusst werden. Der fehlende Alkohol verändert Körper, Mundgefühl und Aromawahrnehmung. Hersteller stehen deshalb vor der Aufgabe, diese Eigenschaften technologisch möglichst überzeugend auszugleichen.
Weniger Alkohol bei jungen Menschen?
Eine im September 2026 veröffentlichte Drogenaffinitätsstudie 2025 des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) zeigt, dass Jugendliche heute deutlich seltener Alkohol trinken als früher. 2025 hatten 58,9 Prozent der 12- bis 17-Jährigen überhaupt schon einmal Alkohol konsumiert. In den letzten 30 Tagen hatten 32,9 Prozent Alkohol getrunken. Zum Vergleich: 2004 lag dieser Anteil noch bei 58,4 Prozent. Allerdings stagniert der Rückgang laut BIÖG seit 2016.
Auch bei den 18- bis 25-Jährigen ist der aktuelle Alkoholkonsum zurückgegangen. Die 30-Tage-Prävalenz sank von 84,4 Prozent im Jahr 2004 auf 69,3 Prozent im Jahr 2025. Gleichzeitig hatten 94 Prozent dieser Altersgruppe bereits irgendwann Alkohol getrunken.
Die Zahlen belegen damit einen langfristigen Rückgang des Alkoholkonsums bei jungen Menschen, aber keineswegs eine alkoholfreie Generation. Gerade beim Rauschtrinken sieht das BIÖG zudem keinen entsprechenden rückläufigen Trend in den vergangenen zehn Jahren.
Für die Getränkebranche bedeutet das: Der gesellschaftliche Wandel ist real, aber differenzierter, als es manche Marketingbegriffe vermuten lassen.
Alkoholfreie Getränke werden zur eigenen Kategorie
Interessant ist dabei, dass alkoholfreie Getränke zunehmend nicht mehr lediglich als Ersatz für alkoholische Produkte betrachtet werden. Ein alkoholfreies Pils kann zum Mittagessen getrunken werden, ein alkoholfreies Weißbier nach dem Sport oder ein alkoholfreier Sekt bei einem Empfang.
Dadurch entstehen neue Trinkgelegenheiten.
Gerade dieser Aspekt dürfte für Brauereien und Winzer langfristig wichtig sein. Wer ein gutes alkoholfreies Produkt anbietet, konkurriert nicht nur mit anderen alkoholfreien Varianten derselben Kategorie. Es geht auch um die Frage, welches Getränk Menschen in Situationen wählen, in denen Alkohol nicht gewünscht oder nicht passend ist.
Die Entwicklung bei Bier zeigt, dass dieses Konzept funktionieren kann. Mit rund elf Prozent Marktanteil sind alkoholfreie Biere und Biermischgetränke inzwischen weit vom Nischenstatus entfernt.
Beim Wein steht diese Entwicklung noch am Anfang. Die deutlichen Wachstumsraten bei den Einkäufen und der steigende Anteil von Haushalten, die alkoholfreien Wein ausprobieren, zeigen jedoch, dass sich auch hier ein eigener Markt entwickelt.
Vom Sonderfall zum festen Bestandteil des Getränkemarktes
Ob „Mindful Drinking“ am Ende tatsächlich eine eigenständige Lifestyle-Bewegung bleibt oder vor allem ein griffiger Begriff für einen längerfristigen Konsumwandel ist, lässt sich heute noch nicht abschließend sagen. Die Marktdaten zeigen allerdings bereits eine konkrete Veränderung: Alkoholfreie Produkte gewinnen sowohl bei Bier als auch bei Wein an Bedeutung. Bei Bier ist daraus bereits ein großes Marktsegment geworden, beim Wein sind die Wachstumsraten derzeit besonders auffällig.
Damit verändert sich auch die Rolle des Alkoholfreien. Es geht immer weniger darum, eine möglichst ähnliche Kopie eines alkoholischen Originals anzubieten. Stattdessen entwickeln sich alkoholfreie Biere, Weine und Sekte zu eigenständigen Produkten für Menschen, die bewusst entscheiden möchten, wann Alkohol dazugehört – und wann eben nicht.
Für die Getränkehersteller eröffnet das zusätzliche Absatzmöglichkeiten. Für Verbraucher wächst gleichzeitig die Auswahl. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Veränderung: Ein Abend mit Bier oder Wein muss heute nicht mehr automatisch ein Abend mit Alkohol sein.