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Ein Bierpreis wie vor 125 Jahren – Bierzirkus

Ein Bierpreis wie vor 125 Jahren

Zum 125-jährigen Jubiläum dreht das Gösser Bräu in Graz die Preise zurück: Bier für 1,50 Euro, historische Speisen und viel Wirtshaus-Nostalgie zwischen Tradition und Gegenwart.

Zeitreisen sind kompliziert. Normalerweise braucht man dafür Physiker, Formeln oder zumindest eine Telefonzelle mit Spezialausstattung. In Graz reicht dagegen ein Krügerl Bier.

Das traditionsreiche Gösser Bräu wurde 1902 eröffnet, damals noch unter dem Namen „Stadt Restaurant Göss“. Zu dieser Zeit kostete ein Bier rund 30 Heller – eine Summe, bei der heutige Bierpreise kurz nervös werden. Zum 125-jährigen Jubiläum hat Wirt Robert Grossauer beschlossen, die Inflation einfach höflich zu ignorieren und den historischen Preis wieder einzuführen. Während der Jubiläumswoche klingelt täglich um 19:02 Uhr die Gösser-Glocke. Ab diesem Moment gilt für 30 Minuten der Bierpreis von damals: umgerechnet 1,50 Euro für ein Krügerl, auf Wunsch sogar alkoholfrei. Wer noch Kronen oder Heller zuhause herumliegen hat, darf sie tatsächlich mitbringen. Alle anderen zahlen ganz gewöhnlich in Euro und tun einfach so, als hätten sie gerade Kaiser Franz Joseph gegrüßt.

Doch nicht nur beim Bier wird die Zeit zurückgedreht. Auch die Speisekarte verhält sich plötzlich wie ein gut gelaunter Historiker. Bratwurst mit Semmel für 3,50 Euro, Krautfleckerl für 6,90 Euro, Gulasch mit Knödel für 8,90 Euro – Preise, bei denen man automatisch nach versteckten Sternchen sucht. Die gibt es aber nicht, nur ehrliche Portionen.

Seit 2005 führt die Familie Grossauer das Haus und hat es über die Jahre renoviert, modernisiert und dennoch den Charakter eines klassischen Wirtshauses bewahrt. Genau dieser Spagat macht den Reiz aus: frische Küche, aber ohne kulinarische Artistik; Tradition, aber ohne Museumsstaub. Der Erdäpfelsalat wird weiterhin nach altem Rezept gemacht, das Rindsgulasch bleibt ein Dauerbrenner und selbst vegane Krautfleckerl haben ihren festen Platz – vermutlich ein Konzept, das man 1902 noch nicht ganz so geplant hatte.

Das Gösser Bräu war schon immer ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen. Sogar TV-Koch Johann Lafer hat hier einst gelernt, wie Gastronomie funktioniert – vermutlich auch, dass ein gutes Wirtshaus weniger mit Trends als mit Verlässlichkeit zu tun hat.

Und genau das zeigt dieses Jubiläum ziemlich schön: Geschichte wird hier nicht ausgestellt, sondern ausgeschenkt. Man sitzt zusammen, trinkt, isst und wundert sich kurz, warum sich alles plötzlich erstaunlich erschwinglich anfühlt. Für einen Moment ist es eben doch möglich, ein Bier zu bestellen wie im Jahr 1902 – nur ohne Pferdekutsche vor der Tür.

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