Es ist eine Nachricht, die weit über die britische Bierbranche hinaus Aufmerksamkeit verdient: Carlsberg Britvic plant, die traditionsreiche Marston’s Brewery in Burton upon Trent im Sommer 2027 zu schließen. Mit dem Brauereistandort soll auch der dortige zentrale Logistikbetrieb aufgegeben werden. Rund 310 Beschäftigte sind von den Plänen betroffen. Noch handelt es sich um einen Vorschlag, zu dem zunächst Konsultationen stattfinden sollen. Sollte er umgesetzt werden, würde damit ein bedeutendes Kapitel britischer Brauereigeschichte zu Ende gehen.
Auch in Deutschland ist Marston’s kein völlig unbekannter Name. Vor einigen Jahren waren Biere der Brauerei zeitweise bei Lidl erhältlich. Für viele deutsche Bierfreunde dürfte die Nachricht deshalb mehr sein als eine weitere Meldung über eine Betriebsschließung in Großbritannien.
Fast 200 Jahre Brauereigeschichte
Die Geschichte des Unternehmens reicht bis ins Jahr 1834 zurück. Damals gründete John Marston seine Brauerei in Burton upon Trent in der Grafschaft Staffordshire. Der heutige Standort an der Shobnall Road wurde 1898 bezogen. Burton gilt seit Langem als eine der bedeutenden Städte der britischen Brauereigeschichte und ist besonders eng mit der Herstellung von Ales verbunden.
Marston’s entwickelte sich zu einem bekannten Namen der britischen Bierlandschaft. Zum Portfolio gehörten traditionelle Ales ebenso wie regionale Marken, die über viele Jahre in den Pubs des Landes ausgeschenkt wurden. Die Brauerei war damit nicht nur ein Produktionsbetrieb, sondern auch Teil einer regionalen Identität, die eng mit der britischen Pubkultur verbunden ist.
Die Eigentumsverhältnisse haben sich in den vergangenen Jahren allerdings grundlegend verändert. 2020 gründeten Marston’s und der dänische Carlsberg-Konzern ein gemeinsames Brauereiunternehmen. 2024 verkaufte Marston’s seine verbliebene Beteiligung an diesem Gemeinschaftsunternehmen an Carlsberg. Die frühere Marston’s-Brauereisparte lag damit vollständig in der Hand des internationalen Konzerns. Nach der Übernahme des Getränkeherstellers Britvic im Jahr 2025 firmiert das britische Geschäft als Carlsberg Britvic.
Die jetzt angekündigte Schließung steht somit am Ende eines mehrjährigen Konzentrationsprozesses, in dessen Verlauf die Brauereitätigkeit von Marston’s immer stärker in einen internationalen Konzern integriert wurde.
Carlsberg verweist auf den Rückgang traditioneller Ales
Als Begründung nennt Carlsberg Britvic den strukturellen Rückgang der Ale-Kategorie. Besonders deutlich sei die Entwicklung bei Cask Ale, also traditionell im Fass gereiftem Bier, das in britischen Pubs häufig über Handpumpen ausgeschenkt wird.
Nach Angaben von Carlsberg haben sich die Absatzmengen von Cask Ale in Großbritannien innerhalb von weniger als zehn Jahren mehr als halbiert. Der Konzern geht davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen wird. Investitionen sollen deshalb künftig stärker dort eingesetzt werden, wo das Unternehmen bessere langfristige Wachstumsmöglichkeiten sieht.
Der Rückgang ist für traditionelle britische Bierstile ein ernstes Problem. Cask Ales unterscheiden sich in Herstellung, Lagerung und Ausschank von vielen international verbreiteten Bieren. Sie sind eng mit der britischen Pubkultur verbunden und benötigen entsprechende Absatzwege. Wenn weniger Gäste diese Biere bestellen und weniger Pubs sie anbieten, geraten auch etablierte Produktionsstandorte unter Druck.
Allerdings erklärt der Rückgang einer Kategorie allein noch nicht jede einzelne unternehmerische Entscheidung. Die angekündigte Schließung ist auch vor dem Hintergrund der Eigentümerstruktur und der strategischen Ausrichtung von Carlsberg Britvic zu betrachten. Eine eigenständige Bewertung der Wirtschaftlichkeit des Standorts hat das Unternehmen bislang nicht öffentlich in einer Weise vorgelegt, die die Entscheidungsgrundlagen nachvollziehbar machen würde.
Rund 310 Arbeitsplätze betroffen
Von den Plänen sind nach Unternehmensangaben rund 310 Beschäftigte betroffen. Neben der Brauerei soll auch der zentrale Logistikbetrieb am Standort geschlossen werden. Der Betrieb soll während der Konsultations- und Übergangsphase zunächst weiterlaufen.
Für Burton upon Trent geht es damit nicht allein um den Verlust eines historischen Namens. Eine Schließung hätte auch Folgen für die Beschäftigten, ihre Familien und das wirtschaftliche Umfeld der Stadt. Die regionale Politik hat entsprechend besorgt reagiert. Der Vorsitzende des Staffordshire County Council, Martin Murray, bezeichnete die Ankündigung als schlechte Nachricht für die Belegschaft und die Bevölkerung von Burton. Er forderte das Unternehmen auf, alle Möglichkeiten zu prüfen, um seine Präsenz in der Region zu erhalten.
Die Beschäftigten müssen nun abwarten, wie die Konsultationen verlaufen und welche konkreten Schritte der Konzern daraus ableitet. Von einer bereits vollzogenen Schließung kann deshalb noch keine Rede sein. Die Perspektive des Standorts ist jedoch ernsthaft infrage gestellt.
Was wird aus den bekannten Biermarken?
Neben den Arbeitsplätzen stellt sich eine weitere wichtige Frage: Welche Biere werden künftig noch gebraut – und von wem?
Carlsberg Britvic hat angekündigt, Marken wie Hobgoblin, McEwan’s und Brooklyn weiterzuführen. Für eine Reihe anderer traditioneller Ale- und Regionalmarken sucht der Konzern dagegen nach möglichen neuen Eigentümern. Nach Unternehmensangaben werden Gespräche mit potenziellen Partnern geführt, die diese Marken langfristig übernehmen könnten.
Welche Marken konkret verkauft werden sollen, ist bislang nicht abschließend bekannt. Auch steht noch nicht fest, welche Unternehmen als Käufer infrage kommen oder wo die Biere künftig gebraut werden könnten.
Ein Verkauf könnte für einige Marken durchaus eine Zukunft eröffnen. Ein neuer Eigentümer mit Erfahrung in der Herstellung traditioneller Ales könnte ihnen möglicherweise mehr Aufmerksamkeit widmen, als dies in einem großen, international aufgestellten Getränkeunternehmen möglich ist. Ob daraus tatsächlich eine dauerhafte Perspektive entsteht, hängt allerdings von den Bedingungen der Übernahme und den künftigen Produktions- und Vertriebsstrukturen ab.
Für die Marke Marston’s selbst und die mit ihr verbundene Brauereigeschichte bleibt die Situation damit besonders bitter: Selbst wenn einzelne Biere weiterleben, wäre die Schließung des Standorts ein erheblicher Einschnitt.
Kritik von CAMRA: Ein Verlust für die britische Bierkultur
Die britische Verbraucherorganisation Campaign for Real Ale (CAMRA) hat die Pläne scharf kritisiert. Ihr Vorsitzender Ash Corbett-Collins bezeichnete die angekündigte Schließung als „absolute disgrace“ – als einen Vorgang, der aus Sicht des Verbands nicht hinnehmbar sei. CAMRA sieht die Entscheidung als weiteren Rückschlag für die britische Brautradition und fordert, die Konzentration des Biermarktes durch die Wettbewerbsbehörden genauer untersuchen zu lassen.
Gleichzeitig unterstützt CAMRA die Suche nach unabhängigen Brauereien, die traditionelle Biermarken übernehmen könnten. Der Verband hofft zudem, dass sich eine Möglichkeit findet, den Standort in Burton zu erhalten. Als Beispiel verweist er auf frühere Bemühungen, traditionelle Brauereien und Marken durch engagierte neue Eigentümer zu bewahren.
Die Kritik ist auch im Zusammenhang mit früheren Entscheidungen von Carlsberg zu sehen. Bereits 2024 hatte CAMRA den Wegfall mehrerer traditioneller Biermarken nach der vollständigen Übernahme der Brauereisparte von Marston’s kritisiert. 2025 wurde außerdem die Banks’s Brewery in Wolverhampton geschlossen. Aus Sicht des Verbands sind dies Anzeichen für eine Entwicklung, bei der die Zahl unabhängiger Produktionsstandorte und die Auswahl traditioneller Biere zurückgehen.
Die Position von CAMRA ist dabei klar als die eines Verbraucherverbands zu verstehen. Der Verband setzt sich für traditionelle Bierstile, eine große Auswahl und die britische Pubkultur ein. Seine Kritik richtet sich nicht nur gegen die konkrete Schließung, sondern grundsätzlich gegen die Folgen zunehmender Marktkonzentration.
Ein Warnsignal für traditionelle Brauereien
Die geplante Schließung von Marston’s zeigt, wie stark sich die britische Bierbranche verändert. Sinkender Absatz traditioneller Ales, veränderte Trinkgewohnheiten und die Konzentration von Brauereien unter großen internationalen Konzernen treffen aufeinander. Für die betroffenen Beschäftigten ist das eine konkrete Bedrohung, für die Bierkultur des Landes ein weiterer Einschnitt.
Dabei ist die Zukunft nicht für jede Marke zwangsläufig besiegelt. Wenn Carlsberg Britvic tatsächlich Käufer für einzelne traditionelle Ales findet, könnten einige Biere unter neuer Führung weitergebraut werden. Das wäre jedoch kein Ersatz für den Verlust eines historischen Produktionsstandorts und der dort angesiedelten Arbeitsplätze.
Auch deutsche Bierfreunde haben Anlass, die Entwicklung zu verfolgen. Marston’s war über den britischen Markt hinaus bekannt und erreichte zeitweise auch deutsche Supermarktregale. Die angekündigte Schließung verdeutlicht, dass selbst traditionsreiche Namen nicht vor den Folgen wirtschaftlicher Veränderungen und strategischer Entscheidungen großer Konzerne geschützt sind. Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen. Die Konsultationen laufen, und die Zukunft einzelner Marken ist offen. Sicher ist jedoch schon jetzt: Sollte Carlsberg Britvic seine Pläne umsetzen, verliert Burton upon Trent einen wichtigen Teil seiner Brauereigeschichte.