Die Zukunft des Hofbrauhauses Wolters in Braunschweig ist weiterhin ungewiss. Während die TCB-Gruppe die Übernahme der Markenfamilie anstrebt und den Erhalt des bisherigen Produktionsstandorts für wirtschaftlich nicht tragfähig hält, verfolgt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) einen anderen Ansatz. Sie möchte zumindest einen Teil der Braustätte durch eine Genossenschaft erhalten. Eine reduzierte Produktion für den regionalen Markt könnte nach ihrer Vorstellung dazu beitragen, Arbeitsplätze zu sichern und die Brautradition in Braunschweig fortzuführen.
Wie der NDR Niedersachsen am 8. Oktober berichtete, hat TCB den Erhalt des Braubetriebs am bisherigen Standort bereits geprüft. Geschäftsführer Mike Gärtner begründet die ablehnende Haltung mit dem technischen Zustand der Anlagen. Diese seien veraltet und nicht dafür ausgelegt, dauerhaft mit geringeren Produktionsmengen wirtschaftlich zu arbeiten. Für das Genossenschaftsmodell wäre nach Einschätzung des Unternehmens deshalb ein technischer Neubau der Braustätte erforderlich. Die Kosten dafür beziffert TCB auf einen höheren zweistelligen Millionenbetrag. Angesichts des wirtschaftlichen Drucks auf die Branche sei eine solche Investition nicht zu rechtfertigen.
Diese Einschätzung stammt allerdings vom potenziellen Markenübernehmer. Eine detaillierte Berechnung, anhand derer sich die genannten Kosten und die Wirtschaftlichkeit eines alternativen Betriebskonzepts nachvollziehen ließen, ist in dem Bericht nicht enthalten. Ob ein kleinerer Brauereibetrieb tatsächlich nur mit einem weitgehenden Neubau möglich wäre, lässt sich anhand der veröffentlichten Angaben deshalb nicht abschließend beurteilen.
NGG setzt auf eine kleinere Brauerei für den regionalen Markt
Der Vorschlag der Gewerkschaft unterscheidet sich deutlich von der bisherigen Produktionsstruktur. Die überregionalen Markenrechte könnten bei TCB liegen, während eine Genossenschaft einen Teil der Braustätte in Braunschweig übernimmt und dort mit einer deutlich kleineren Produktpalette weiterarbeitet. Denkbar wäre beispielsweise, sich auf Pils zu konzentrieren.
Abnehmer für ein solches Bier sieht die NGG vor allem in der Region. Die Gastronomie, der Einzelhandel und das Eintracht-Stadion könnten mit einem exklusiv in Braunschweig gebrauten Bier beliefert werden. Damit würde die Genossenschaft nicht versuchen, die bisherige Produktion vollständig fortzuführen, sondern ein kleineres Geschäftsmodell mit regionalem Schwerpunkt verfolgen.
Ein solches Konzept würde allerdings voraussetzen, dass sich die technischen, finanziellen und betrieblichen Anforderungen mit den verfügbaren Mitteln vereinbaren lassen. Auch die Frage, welche Teile der vorhandenen Anlagen weiter genutzt werden könnten und welche Investitionen tatsächlich erforderlich wären, müsste geklärt werden.
Gewerkschaft bietet Gespräche über Tarifmodelle an
Die NGG hat nach Angaben des NDR ihre Bereitschaft erklärt, mit TCB und dem Betriebsrat über standortsichernde Tarifmodelle zu verhandeln. Damit signalisiert die Gewerkschaft, dass sie auch bei den Arbeitsbedingungen nach Lösungen suchen möchte, die einen Neustart erleichtern könnten.
Das ist ein wichtiger Punkt, denn eine Genossenschaft müsste nicht nur die technischen Voraussetzungen für den Braubetrieb schaffen, sondern auch ein dauerhaft tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln. Wie viele der bislang rund 90 Arbeitsplätze auf diese Weise erhalten werden könnten, ist bislang offen. Die NGG spricht davon, zumindest einen Teil der Stellen sichern zu wollen.
Für die Beschäftigten wäre eine solche Lösung eine Alternative zur angekündigten Schließung des Standorts zum 31. Dezember 2026. Nachdem bislang kein Investor für den Fortbestand der Brauerei gefunden worden war, bleibt allerdings wenig Zeit, um aus der Idee ein belastbares Konzept zu entwickeln.
Rund 560.000 Euro an Zusagen für die Genossenschaftsidee
Dass die Rettungsbemühungen auf Interesse stoßen, zeigen die bislang bekannt gewordenen Unterstützungszahlen. Nach Angaben der NGG lagen über zwei Genossenschaftsplattformen bereits freiwillige Zusagen in Höhe von insgesamt rund 560.000 Euro vor. Außerdem hatten bis zum Dienstagmittag fast 18.000 Menschen eine Petition für den Erhalt der Brauerei unterzeichnet.
Diese Zahlen sind ein Zeichen für die Unterstützung, die das Vorhaben in der Bevölkerung erfährt. Sie dürfen jedoch nicht mit einer gesicherten Finanzierung verwechselt werden. Freiwillige Zusagen sind nicht automatisch verbindliches Genossenschaftskapital. Ob sich daraus zusammen mit weiteren Geldgebern ausreichend Mittel für die erforderlichen Investitionen mobilisieren lassen, ist noch nicht geklärt.
Volksbank BRAWO verweist auf frühere Investitionen
Eine weitere offene Frage betrifft den Zustand der Brauerei und die bisherigen Bemühungen, den Betrieb wirtschaftlich neu auszurichten. Die Volksbank BRAWO erklärte gegenüber dem NDR, in den vergangenen Jahren erheblich in die Anlagen und deren Modernisierung investiert zu haben. Zudem sei die Kapitalbasis gestärkt worden, um eine strategische Neuausrichtung zu ermöglichen.
Gleichzeitig verwies die Bank auf gestiegene Kosten und die schwierige wirtschaftliche Lage. Deshalb sei erneut ein starker Kapitalgeber erforderlich geworden, den man mit der TCB-Gruppe gefunden habe.
Diese Darstellung steht zumindest in einem erklärungsbedürftigen Spannungsverhältnis zu der von TCB beschriebenen technischen Ausgangslage. Die früheren Investitionen und die Aussage, dass die Anlagen für eine kleinere Produktion nicht geeignet seien, müssen sich nicht zwangsläufig widersprechen. Sie werfen aber die Frage auf, welche Bereiche modernisiert wurden, welche Anlagen tatsächlich erneuert werden müssten und welche Anforderungen ein verkleinerter Betrieb erfüllen müsste.
Eine unabhängige technische und wirtschaftliche Bewertung dieser Fragen ist aus den bislang veröffentlichten Informationen nicht ersichtlich.
Wie realistisch ist die Rettung von Wolters?
Die Genossenschaftsidee ist damit noch lange keine gesicherte Rettung für das Hofbrauhaus Wolters. Die bislang zugesagten Mittel belegen weder eine ausreichende Finanzierung noch die wirtschaftliche Tragfähigkeit einer verkleinerten Brauerei. Auf der anderen Seite lässt sich aus der pauschalen Kostenschätzung von TCB allein auch nicht ableiten, dass das Konzept grundsätzlich zum Scheitern verurteilt wäre.
Entscheidend wird sein, ob sich ein tragfähiger Finanzierungs- und Betriebsplan entwickeln lässt. Dazu gehören eine nachvollziehbare Investitionsrechnung, eine realistische Einschätzung des Absatzpotenzials und Klarheit darüber, welche Teile der vorhandenen Braustätte weiter genutzt werden können. Ebenso wichtig wäre die Bereitschaft der Beteiligten, über die konkrete Ausgestaltung einer solchen Lösung zu verhandeln.
Bislang steht einer konkreten Genossenschaftsidee vor allem die ablehnende Einschätzung des potenziellen Markenübernehmers gegenüber. Ob die Initiative eine Chance erhält, ihre Annahmen durch eine belastbare Planung zu untermauern, ist offen. Für den Brauereistandort Braunschweig und seine Beschäftigten wäre das angesichts des nahenden Jahresendes eine entscheidende Frage.