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Craft Bräu in Dießen schließt: Was eine Brauerei für einen Ort bedeutet – Bierzirkus

Craft Bräu in Dießen schließt: Was eine Brauerei für einen Ort bedeutet

Das Craft Bräu in Dießen stellt Ende 2026 den Braubetrieb ein. Die Schankhalle steht vor einer ungewissen Zukunft – und damit auch ein wichtiger Kulturort.

Eine Brauerei muss nicht insolvent sein, damit ihr Ende für einen Ort zu einem Problem wird. Das zeigt derzeit das Craft Bräu in Dießen am Ammersee. Braumeister Dr. Martin Hug wird seine Brauerei zum 31. Dezember 2026 schließen. Der Grund ist nicht ein Insolvenzverfahren und auch nicht das Scheitern an offenen Forderungen, sondern vor allem und ein verändertes Konsumverhalten und der damit einhergehende Rückgang des Bierkonsums. Für die Lieferanten mag das ein wichtiger Unterschied sein. Für Dießen ist die Nachricht trotzdem ein Verlust.

Denn mit dem Ende des Braubetriebs steht nicht nur eine kleine Braustätte vor dem Aus. Auch die Zukunft der Schankhalle in der Mühlstraße ist ungewiss. Und damit geht es um weit mehr als um die Frage, wo und ob künftig Craft-Bräu-Bier gebraut wird.

Nach fast 100 Jahren kehrte das Bier nach Dießen zurück

Dabei ist die Geschichte des Craft Bräu durchaus bemerkenswert. Dießen hatte im 19. Jahrhundert einmal rund 20 Braustätten. Die letzten historischen Brauereien, das Weilheimerbräu und das Unterbräu, verschwanden um 1915. Danach gab es fast ein Jahrhundert lang keine Brauerei mehr im Ort.

2014 änderte sich das. Claus Bakenecker und Martin Hug begannen in der Mühlstraße wieder Bier zu brauen. Ihr erstes Bier war ein ungefiltertes Helles. Schon bald zeigte sich, dass die beiden mit ihrem handwerklich gebrauten Bier einen Nerv getroffen hatten. 2015 berichtete die Süddeutsche Zeitung bereits von vielen Liebhabern und einer Nachfrage, die sogar die vorhandene Abfüllanlage an ihre Grenzen brachte.

Craft Bräu war damit nicht einfach irgendeine neue Kleinbrauerei. Die Brauerei hatte für Dießen auch eine symbolische Bedeutung: Nach fast 100 Jahren wurde wieder vor Ort Bier gebraut.

2019 musste schon einmal um die Schankhalle gekämpft werden

Die Geschichte hätte allerdings schon 2019 ein anderes Ende nehmen können. Bakenecker und Hug wollten damals die Schankhalle schließen. Die Kombination aus ihren eigentlichen Berufen, dem Brauen und dem mehrmals wöchentlichen Betrieb der Gaststätte war auf Dauer zu belastend geworden. Hinzu kamen wirtschaftliche Probleme und Einschränkungen beim Kulturprogramm.

Doch Stammgäste und Freunde wollten das Craft Bräu nicht einfach aufgeben. Aus dieser Rettungsaktion entstand schließlich die Craft-Schaft eG. Die Genossenschaft übernahm den Betrieb der Schankhalle, während Martin Hug und Claus Bakenecker weiter in der angeschlossenen Brauerei produzierten. Die Genossenschaft wurde 2020 offiziell eingetragen. Zu ihrem Zweck gehören neben dem Betrieb des Schankbetriebs ausdrücklich auch kulturelle und soziale Aktivitäten sowie die Bewahrung regionaler Strukturen.

Das war mehr als eine ungewöhnliche Finanzierungslösung. Die Gäste machten sich damit selbst zu Mitverantwortlichen für den Erhalt eines Ortes, der ihnen wichtig war.

Aus der Brauerei wurde ein Treffpunkt

Dass diese Idee funktioniert hat, lässt sich auch an der Entwicklung der vergangenen Jahre ablesen. Die Craft-Schaft selbst spricht von mehr als 50 Live-Konzerten und über 80 Craft Talks und anderen Kulturveranstaltungen. Insgesamt seien in fünf Jahren mehr als 500 Hektoliter Craft-Bier in Dießen gebraut worden. Und wir dürfen nicht vergessen, dass in diese Zeit auch Corona fiel und damit das gesellschaftliche Leben weitgehend zum Erliegen kam.

Dabei ist gerade die Verbindung von Brauerei, Ausschank und Kultur interessant. Das Craft Bräu versteht sich nicht lediglich als Verkaufsstelle für Bier. Auf der eigenen Website wird die Schankhalle als „Wohnzimmer von Dießen“ bezeichnet; Brauerei, Schankhalle und Genossenschaft befinden sich unter einem Dach.

Auch 2026 war das Craft Bräu noch Veranstaltungsort für Kultur. So fand dort beispielsweise im Juli ein literarisch-musikalischer Abend des Heimatvereins statt. Bei der 13. Musiknacht Dießen am 17. Oktober 2026 ist das Craft Bräu ebenfalls als einer von 14 Veranstaltungsorten aufgeführt.

Genau deshalb ist die aktuelle Entwicklung für Dießen mehr als das Ende einer kleinen Bierproduktion.

Nicht die Insolvenz beendet die Brauerei

Martin Hug wird den Braubetrieb nach Angaben der Genossenschaft wegen des Wandels im Konsumverhalten und des damit verbundenen Rückgangs des Bierkonsums zum Jahresende einstellen. Gleichzeitig sieht sich auch die Craft-Schaft mit rückläufigen Erträgen und gestiegenen Kosten für Mitarbeiter, Einkauf und Betrieb konfrontiert. Hinzu kommen Schwierigkeiten, ausreichend Personal für einen kontinuierlichen Ausschank zu finden. Deshalb wurde bereits der Mittwoch als Schanktag gestrichen.

Das ist ein wichtiger Unterschied zu vielen anderen Brauereischließungen, über die in den vergangenen Jahren berichtet wurde. Hier geht es nicht um ein Insolvenzverfahren, einen Verkauf aus der Insolvenz oder den Verzicht von Gläubigern auf ihre Forderungen. Die Brauerei wird geschlossen, weil ihr Betreiber unter den veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht mehr weiterbrauen will.

Das macht die Situation allerdings nicht weniger einschneidend.

Was passiert mit der Craft-Schaft?

Die eigentliche Frage lautet deshalb inzwischen: Was passiert mit der Craft-Schaft eG?

Der satzungsgemäße Zweck der Genossenschaft umfasst unter anderem den Ausschank von handgemachtem Bier aus Dießen. Wenn dieses Bier künftig nicht mehr in Dießen gebraut wird, fällt eine zentrale Grundlage des bisherigen Geschäftsmodells weg. Deshalb hat die Genossenschaft den Mietvertrag für die Schankhalle vorsorglich zum 31. März 2027 gekündigt.

Damit ist das Ende der Schankhalle allerdings noch nicht beschlossene Sache.

Im Gegenteil: Nach Angaben der Genossenschaft besteht der Wunsch, den Ort zu erhalten. Gesucht wird ein neues und wirtschaftlich tragfähiges Konzept, das die Funktion als Treffpunkt sowie als Ort für Musik und Kultur möglichst weiterführt. Eine außerordentliche Generalversammlung soll sich in den kommenden Wochen mit der Zukunft beschäftigen.

Das bedeutet: Die Brauerei wird Ende des Jahres schließen. Was aus dem Ort wird, an dem gebraut, ausgeschenkt, diskutiert, Musik gemacht und Kultur veranstaltet wurde, ist dagegen noch offen.

Was eine kleine Brauerei für eine Gemeinde leisten kann

Genau darin steckt für mich die vielleicht interessanteste Geschichte hinter der Nachricht aus Dießen.

Eine Brauerei produziert zunächst einmal Bier. Das ist ihr wirtschaftlicher Zweck. Kleine lokale Brauereien können aber darüber hinaus etwas schaffen, das sich nur schwer in Litern und Euro messen lässt: Sie geben einem Ort einen Treffpunkt, schaffen Identität und können kulturelle Aktivitäten ermöglichen.

Das Craft Bräu ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel. Die Brauerei hat eine fast vergessene lokale Biertradition wiederbelebt. Die Genossenschaft entstand, weil Menschen aus dem Ort den Ausschank erhalten wollten. Und aus der Schankhalle entwickelte sich ein Veranstaltungsort, an dem Konzerte, Gespräche, Lesungen und andere kulturelle Veranstaltungen stattfinden konnten.

Wenn am Ende des Jahres das Bierbrauen aufhört, verschwindet deshalb nicht nur eine Produktionsstätte. Es besteht auch die Gefahr, dass ein Stück dieser örtlichen Infrastruktur verloren geht.

Und vielleicht ist genau das ein Aspekt, der bei Diskussionen über das Brauereisterben gelegentlich zu kurz kommt. Wenn eine große Brauerei schließt, geht es häufig um Arbeitsplätze, Produktionsmengen, Marken und Lieferketten. Bei einer kleinen Ortsbrauerei kommen andere Dinge hinzu: persönliche Beziehungen, regionale Identität, Gastronomie und gesellschaftliches Leben.

Das Ende ist noch nicht endgültig

Für das Craft Bräu lässt sich deshalb derzeit noch kein endgültiger Schlussstrich ziehen.

Fest steht, dass Martin Hug zum 31. Dezember 2026 mit dem Brauen aufhört. Offen ist dagegen, ob die Craft-Schaft einen Weg findet, die Schankhalle auch ohne die eigene Brauerei weiterzuführen. Die Genossenschaft besteht weiterhin und ist aktuell als aktive eingetragene Genossenschaft registriert.

Vielleicht entsteht also tatsächlich noch ein neues Konzept für das „Wohnzimmer von Dießen“. Vielleicht findet sich eine Möglichkeit, den Ort als Kultur- und Begegnungsstätte zu erhalten. Vielleicht gelingt es sogar, die Verbindung zum Bier auf irgendeine Weise fortzuführen.

Sicher ist momentan nur eines: Das Craft Bräu zeigt, dass eine Brauerei auch dann für einen Ort wichtig sein kann, wenn sie wirtschaftlich klein ist. Und dass ihr Ende deshalb mehr bedeuten kann als lediglich das Verschwinden einer weiteren Biermarke.

Dießen muss Ende 2026 nicht nur Abschied von einer Brauerei nehmen. Die Gemeinde steht auch vor der Frage, ob und wie sie einen Ort erhalten kann, der in den vergangenen Jahren ein Stück ihres gesellschaftlichen und kulturellen Lebens geworden ist.

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