Die deutsche Brauwirtschaft steckt seit Jahren in einer schwierigen Phase. Der Bierabsatz geht zurück, die Zahl der Brauereien sinkt und selbst bekannte Traditionsbetriebe geraten unter Druck. Auf den ersten Blick scheint die Erklärung deshalb einfach: Die Deutschen trinken weniger Bier.
Doch ganz so einfach ist es offenbar nicht. Eine aktuelle Analyse von Table.Media stellt eine zweite Frage in den Mittelpunkt: Können sich die Brauereien die Investitionen leisten, die notwendig sind, um auf den veränderten Biermarkt zu reagieren?
Das ist eine interessante Perspektive auf eine Entwicklung, die ansonsten schnell auf rückläufige Absatzzahlen reduziert wird.
Der deutsche Biermarkt schrumpft weiter
Die Zahlen sind zunächst eindeutig. 2025 wurden in Deutschland nur noch rund 7,8 Milliarden Liter Bier verkauft. Damit lag der Absatz sechs Prozent unter dem Vorjahr und 15,7 Prozent unter dem Wert von 2019. Gleichzeitig gab es 2025 noch 1.415 Brauereien. Das waren 53 weniger als ein Jahr zuvor und 137 weniger als 2019.
Auch 2026 hat sich der Abwärtstrend bislang fortgesetzt. Von Januar bis Juli lag der Bierabsatz 2,1 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum. Der Inlandsabsatz entwickelte sich mit einem Minus von 2,9 Prozent sogar noch etwas schwächer.
Dabei ist allerdings eine wichtige Einschränkung zu beachten: Alkoholfreies Bier wird in der amtlichen Bierabsatzstatistik nicht erfasst. Der tatsächliche Getränkemarkt rund um Bier ist deshalb etwas größer, als es die klassischen Absatzstatistiken vermuten lassen.
Genau hier zeigt sich bereits ein Teil des Problems.
Alkoholfrei wächst – aber nicht von allein
Alkoholfreies Bier gehört zu den wenigen Bereichen des Biermarktes, die gegen den allgemeinen Trend wachsen. Nach Angaben des Deutschen Brauer-Bundes überschritten alkoholfreie Biere und Biermischgetränke 2025 im Handel erstmals die Marke von zehn Prozent beim Umsatz. Die Produktion alkoholfreien Bieres lag 2025 bei rund 7,5 Millionen Hektolitern.
Für die Brauereien eröffnet sich damit ein Markt, der sich anders entwickelt als das klassische Biergeschäft. Gleichzeitig ist alkoholfreies Bier aber nicht einfach eine weitere Sorte, die sich ohne größere Veränderungen in den bestehenden Produktionsprozess integrieren lässt. Je nach Verfahren kann zusätzliche Technik notwendig sein. Genau an diesem Punkt setzt die aktuelle Analyse von Table.Media an.
Christian Weber, Präsident des Deutschen Brauer-Bundes und geschäftsführender Gesellschafter der Karlsberg Brauerei, wird dort mit einer bemerkenswerten Einschätzung zitiert: Das Geschäft der Brauereien hänge wesentlich davon ab, ob sie bereit seien, in Technologie zu investieren.
Das klingt zunächst selbstverständlich. Für eine Branche mit sinkenden Mengen bekommt der Satz allerdings eine besondere Bedeutung.
Wenn die Zukunft Investitionen verlangt
Eine Brauerei kann nicht einfach darauf warten, dass die Nachfrage nach dem bisherigen Sortiment wieder steigt. Wenn Verbraucher weniger alkoholhaltiges Bier trinken, muss sie sich mit neuen Produkten beschäftigen. Alkoholfreies Bier ist dafür das offensichtlichste Beispiel.
Doch neue Produkte können Investitionen erforderlich machen. Und eine Investition ist für eine große Brauereigruppe etwas anderes als für einen mittelständischen Betrieb oder eine kleine Familienbrauerei.
Wer beispielsweise in neue Anlagen investieren muss, braucht zunächst Kapital. Gleichzeitig erwirtschaftet die bestehende Produktion wegen der sinkenden Mengen möglicherweise bereits weniger Umsatz und Ertrag. Damit entsteht ein schwieriger Kreislauf: Gerade in einer Krise wäre eine Modernisierung besonders wichtig, gleichzeitig wird es schwieriger, die dafür notwendigen Mittel aufzubringen.
Nach der von Table.Media aufgegriffenen Einschätzung kann sich für kleinere Brauereien deshalb eine grundsätzliche Frage stellen: Investieren und das Risiko einer Finanzierung eingehen, auf bestimmte Entwicklungen verzichten oder einen Verkauf beziehungsweise eine Übernahme in Betracht ziehen. Das verändert auch den Blick auf das sogenannte Brauereisterben.
Nicht jede Schließung hat dieselbe Ursache
Selbstverständlich ist der sinkende Bierkonsum ein wesentlicher Faktor. Wenn ein Markt über Jahre kleiner wird, entstehen Überkapazitäten. Produktionsanlagen, Gebäude und Personal müssen trotzdem finanziert werden, während immer weniger Bier verkauft wird.
Die Entwicklung bei den Brauereien zeigt das deutlich. Zwischen 2019 und 2025 ist ihre Zahl von 1.552 auf 1.415 zurückgegangen.
Doch daraus lässt sich nicht ableiten, dass jede dieser Schließungen ausschließlich durch den Absatzrückgang verursacht wurde. Unternehmensentscheidungen, Investitionen, Kostenstrukturen, Finanzierungsmöglichkeiten und die strategische Ausrichtung spielen ebenfalls eine Rolle.
Gerade diese Kombination macht die aktuelle Situation so schwierig. Eine Brauerei kann wirtschaftlich unter Druck geraten, obwohl sie grundsätzlich ein gutes Produkt herstellt. Entscheidend ist dann nicht nur, wie viel Bier sie verkaufen kann, sondern auch, ob sie die finanziellen Möglichkeiten besitzt, ihr Geschäftsmodell an die veränderten Bedingungen anzupassen.
Die Konsolidierung verändert die Bierlandschaft
Eine weitere Entwicklung kommt hinzu: Der deutsche Biermarkt ist seit Jahren von einer zunehmenden Konzentration geprägt. Es gibt weiterhin eine beeindruckende Zahl von Marken und regionalen Bieren, doch hinter diesen Marken stehen zunehmend weniger eigenständige Unternehmen.
Für Verbraucher ist diese Entwicklung nicht immer sofort sichtbar. Ein bekanntes Bier verschwindet schließlich nicht zwangsläufig aus dem Regal, nur weil sich die Eigentümer- oder Produktionsstrukturen verändern.
Für die Brauwirtschaft bedeutet die Konsolidierung allerdings, dass sich die Produktionslandschaft verändert. Größere Gruppen können Kapazitäten zusammenlegen, Produktion verlagern und Investitionen über größere Mengen verteilen. Kleinere Unternehmen haben diese Möglichkeiten nur eingeschränkt.
Damit wird die Frage nach der Zukunft der deutschen Brauvielfalt auch zu einer Frage der wirtschaftlichen Voraussetzungen.
Die Branche muss sich neu orientieren
Interessant ist deshalb weniger die Feststellung, dass die Deutschen weniger Bier trinken. Das ist seit Jahren bekannt. Interessanter ist die Frage, was daraus für die einzelnen Brauereien folgt.
Der Markt verschiebt sich. Alkoholfreies Bier wächst, klassische Sortimente verlieren teilweise Absatz, Verbraucher verändern ihr Konsumverhalten und gleichzeitig bleiben Energie-, Personal- und Produktionskosten wichtige Belastungsfaktoren.
Für manche Brauereien kann die Antwort darin bestehen, stärker auf alkoholfreie Produkte zu setzen. Andere werden ihre Sortimente erweitern, neue Getränke entwickeln, ihre Produktion modernisieren oder stärker auf Gastronomie, Tourismus und regionale Vermarktung setzen.
Dabei gibt es allerdings keinen Königsweg. Was für eine große Brauereigruppe wirtschaftlich sinnvoll sein kann, muss für eine kleine Familienbrauerei noch lange nicht funktionieren.
Und genau deshalb sollte die aktuelle Krise nicht ausschließlich unter dem Schlagwort „Bierabsatz sinkt“ betrachtet werden. Die entscheidende Frage lautet zunehmend, welche Brauereien die Möglichkeit haben, in die Zukunft zu investieren – und welche diese Möglichkeit nicht mehr besitzen.
Der rückläufige Bierkonsum ist damit möglicherweise nur die eine Seite des Problems. Die andere ist die Fähigkeit der Brauereien, mit diesem Wandel umzugehen.