Manchmal braucht es keine Revolution. Manchmal reicht ein Altbier.
Und genau hier wird die Geschichte interessant: Die Störtebeker Braumanufaktur – sonst eher für norddeutsche Interpretation klassischer Stile bekannt – bringt plötzlich ein Alt auf den Markt. Also ein Bierstil, der im Rheinland ungefähr so heilig ist wie Karneval, Kölschstangen und Diskussionen darüber, welches Alt das einzig wahre ist. Kurz: Mutig.
Noch mutiger wird es, wenn das Rezept nicht aus Düsseldorf stammt, sondern von einem Hobbybrauer aus Seevetal.
Hinter dem Bier steckt Jan Mordhorst, amtierender Deutscher Meister der Hobbybrauer 2025. Sein Rezept setzte sich gegen rund 200 andere Einsendungen durch. Wer schon einmal versucht hat, ein Altbier zu brauen, weiß: Das ist kein Stil, bei dem man einfach Hopfen reinwirft und hofft, dass Instagram es schon feiern wird. Alt verzeiht nichts. Es verlangt Balance. Malzkörper, Bittere, Drinkability – alles muss sitzen.
Und offenbar saß es.
Das Siegerrezept wurde anschließend nicht nur beklatscht, sondern tatsächlich im großen Maßstab eingebraut. Ein Traum für jeden Hobbybrauer: Vom Einkocher im Keller direkt in die Produktionsanlage. Als Sahnehäubchen bekam Mordhorst auch noch 40 Kisten seines eigenen Bieres geliefert – genug, um entweder sehr viele Freunde zu gewinnen oder endlich ehrlich herauszufinden, wer wirklich einer ist.
Was steckt im Glas?
Ein klassisches Altbier lebt vom Zusammenspiel aus Röst- und Nussnoten, dezenter Fruchtigkeit und einer trockenen Bittere. Genau dort setzt dieses Siegerbier an: nussiger Malzkörper, fein abgestimmte Bittere, hohe Trinkfreude. Also ein Bier, das nicht schreit, sondern überzeugt.
Spannend wird es beim Malz: Neben den klassischen Rohstoffen kommt Tritordeum-Malz von Boortmalt zum Einsatz. Klingt wie ein Pokémon, ist aber eine relativ neue Getreidezüchtung. Sie bringt eine leichte Süße und intensivere Aromen ins Bier – gewissermaßen die feine Nuance, die den Unterschied macht zwischen „gut“ und „noch ein Glas“.
Altbier, aber norddeutsch gedacht
Dass ein Alt nicht zwingend aus Düsseldorf kommen muss, ist für Rheinländer vermutlich eine steile These. Aber genau das macht den Reiz aus. Hier wird kein Stil parodiert oder modernisiert bis er Mango enthält, sondern respektvoll interpretiert. Ein bisschen wie ein guter Cover-Song: Man erkennt das Original sofort – aber es hat eine eigene Handschrift.
Erhältlich ist das Bier aktuell in ausgewählten Märkten in Nordrhein-Westfalen sowie im Online-Shop der Brauerei. Die offizielle Vorstellung findet am 13. März in der Online-Verkostung „Störtebeker LIVE Abenteuerreise“ statt, bei der der Meister persönlich mitprobiert. Was eine angenehme Abwechslung zu sonstigen Preisverleihungen sein dürfte: Hier darf der Gewinner sein Werk trinken.
Die Meisterschaft geht weiter
Die Deutsche Meisterschaft der Hobbybrauer fand 2025 bereits zum neunten Mal statt – ebenfalls im Brauquartier in Stralsund. Auch 2026 wird dort wieder gebraut, bewertet und gezittert: Am 5. September dürfen Hobbybrauer erneut um den Titel kämpfen. Anmeldung ab 13. März – also genug Zeit, um den eigenen Sud noch einmal kritisch anzuschauen und festzustellen, dass man vielleicht doch noch ein zweites Rezept braucht.
Fazit
Dieses Altbier ist weniger eine Sensation als eine schöne Erinnerung: Gute Bierideen kommen nicht nur aus Marketingabteilungen, sondern oft aus Garagen, Kellern und Küchen. Und manchmal schafft es ein Rezept genau von dort bis ins Regal.
Und falls Sie sich fragen, ob man als Hobbybrauer wirklich Profi-Bier brauen kann: Ja.
Man braucht nur Talent, Geduld, 200 Konkurrenten – und anschließend Stauraum für 40 Kisten.